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Kolumne 26

Auf den Spuren des Märchenkönigs
Serie
nach der gleichnamigen Biographie
von
Peter Glowasz

Erstes Kapitel
Teil 1:
Der junge König

Eine Dame aus Berlin sagte kurz nach dem Königsmord von 1886 am Starnberger See, sicher in Überschätzung des Einflusses der Erziehung, zu Gottfried von Böhm:
„Alles, was Ludwig II. Trauriges begonnen, wäre nicht möglich gewesen, wenn er die Erziehung eines preußischen Prinzen genossen hätte...“
Viel richtiger und wahrer klingt das Wort, das die Königin-Mutter Marie wie einen mildernden Umstand ihrer Biographie des Sohnes anfügt: „Max (ihr Gatte) starb zu früh...“
Die Mutter schrieb dies in ihre Familienchronik, und sie meinte damit nicht nur ihren persönlichen Verlust, sondern die Worte bezogen sich auch darauf, daß ihr Sohn wohl noch nicht die Reife zum Regieren hatte.
Ludwig bestieg den Thron in einem Alter, in dem andere kaum die Universität zu besuchen pflegten.
Dabei stand ihm noch nicht einmal, wie seinen beiden französischen Vorbildern auf dem Thron (Louis XIV. und Louis XV.), ein Staatsmann von Autorität und hervorragender Bedeutung zur Seite.
Ludwig II. war stattdessen nur von unehrlichen alten Männern umgeben, die schon von Anbeginn an dem jungen König herumnörgelten!

Bei heftigem Schneegestöber reiten historisch kostümierte Herolde durch die Münchener Innenstadt und proklamierten König Ludwig II. von Bayern.
Allen voran: die Hoftrompeter und Hofpauker im mittelalterlichen Kostüm, dann folgten die Herolde in reichbestickten Gewändern, in ihrer Mitte sodann der Rufer mit sehr mächtiger Pergamentrolle, von der er nun den erfolgten Regierungsantritt des Königs mit lauter Stimme verliest.
Zu Beginn und als Abschluß eine reitende Militäreskorte, die sozusagen die drängende Volksmasse steuert, denn halb München ist auf den Beinen. Die Menschenmenge strömt trotz Sturm und Schneegestöber dem Zuge unverdrossen nach.
Nun ein dumpfer Trommelwirbel: die Vereidigung sämtlicher Truppen geht jetzt vor sich. General Manz spricht mit mächtiger, weithin schallender Stimme den Soldaten den Fahneneid vor.
Nun ein dreimaliges brausendes Hoch, das dem neuen Kriegsherrn gilt.
In einer zeitgenössischen Schrift des Musikers Julius Hey wird über die Proklamation des neuen Königs am Nachmittag des 10. März 1864 so berichtet:
„Da der junge König durch den plötzlichen Tod seines Vaters so sehr angegriffen war, so mußte die Eidesleistung auf die Verfassung verschoben werden. Diese fand am 11. März vormittags 10 Uhr statt; dazu hatten sich die sämtlichen Staatsminister und Staatsräte im gewöhnlichen Sitzungssaale des Staatsrats in der königlichen Residenz unter dem Vorsitz Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Luitpold von Bayern versammelt. Nachdem Se. Majestät König Ludwig II., gefolgt von den hier anwesenden, im Alter der Großjährigkeit stehenden königlichen Prinzen, nämlich den Prinzen Adalbert und Karl, Ludwig und Leopold (Söhnen des Prinzen Luitpold) und dem Herzog Karl Theodor in Bayern, dann den Herren des kleinen Kortége im Saal erschienen war, richtete der Staatsminister des Äußeren, Freiherr von Schrenck, in seiner Eigenschaft als ältester Minister und zugleich ältestes Mitglied des Staatsrats, an Se. Majestät den König folgende Ansprache:


Dem allmächtigen Herrn über Leben und Tod hat es in seinem unerforschlichen Ratschlusse gefallen, Se. Majestät den König Maximilian II., Eurer Majestät und des Bayernlandes vielgeliebten Vater, vom irdischen Leben abzurufen, und es haben Euere Majestät den durch dieses erschütternde Ereignis verwaisten Thron bestiegen.
Erlauben Allerhöchstdiesselben, daß ich als ältestes Mitglied des versammelten Staatsrats in dessen Namen hiemit dem Gefühle der tiefsten Ehrfurcht Ausdruck gebe, welches ihn für Euere Königliche Majestät erfüllt, und zugleich die Versicherung vollster Hingebung und das Gelöbnis unverbrüchlichster Treue an den Stufen des Thrones niederlege.

Daraufhin leistete dann Se. Majestät den von dem Staatsminister der Justiz, Freiherrn von Mulzer, vorgelesenen Eid und erwiderte die Anrede mit tiefer Rührung in folgender Weise:
Der allmächtige Gott hat meinen teueren vielgeliebten Vater von dieser Erde abberufen. Ich kann nicht aussprechen, welche Gefühle meine Brust durchdringen. Groß ist und schwer die mir gewordene Aufgabe. Ich baue auf Gott, daß er mir Licht und Kraft schicke, sie zu erfüllen. Treu dem Eide, den ich soeben geleistet, und im Geiste unserer durch fast ein halbes Jahrhundert bewährten Verfassung will ich regieren. Meines geliebten Bayernvolkes Wohlfahrt und Deutschlands Größe seien die Zielpunkte meines Strebens.
Unterstützen Sie mich alle in meinen inhaltsschweren Pflichten!“

Bei der feierlichen Bestattung Maximilians II. am 14. März 1864 tritt nun Ludwig erstmalig als König vor die Öffentlichkeit.
Julius Hey schildert den Trauerzug so:
„Soeben komme ich von der großartigsten Bestattungsfeier, die wohl jemals einem bayerischen Könige zuteil wurde. Sie nahm über drei Stunden in Anspruch. Gegen 18000 Mann Militär und Bürgerwehr waren auf den Beinen. Das ganze höhere und niedere Beamten- und Professorenpersonal. Kollegien und Schulen, die vollzählige Geistlichkeit, sämtliche Dienerschaften und höchsten Herrschaften und endlich die unabsehbare Bevölkerung Münchens und der Umgegend, die sich trauernd um den Verlust des geliebten Landesvaters dem Zuge anschloß. Kurz, das Ganze hatte etwas unsagbar Trauriges und doch Gewaltiges zugleich.

Der junge bleiche König inmitten des Trauerzuges, neben sich seinen pausbackigen jüngeren Bruder Otto. Ludwigs kummervoller Blick erregte natürlich das Mitleid aller und gewann ihm sofort die Herzen des mit ihm leidtragenden Volkes.
Hättest Du ihn sehen können, den blassen Jüngling, wie er gebeugten Hauptes und unsicheren, stockenden Schrittes hinter dem Sarge des geliebten Vaters herschritt.
Er hat ein ungewöhnlich ausdrucksvolles Auge; seine Figur erscheint in der Uniform stattlich, ich möchte sagen königlich. Der Gesamteindruck seiner Erscheinung ebenso rührend wie huldvoll. Er ist hochgewachsen, aber schmächtig und wird guter Gesundheit und entschlossener Widerstandskraft bedürfen, das Staatruder in dieser verhängnisvollen Zeitströmung mit Erfolg zu führe.“

Und in einem zeitgenössischen Zeitungsbericht liest man unter anderem: „Der feierliche Leichenzug des Königs Maximilian II. hat heute bei günstiger Witterung nach dem vorgeschriebenen Programme stattgefunden... Die allgemeine Aufmerksamkeit war auf den jungen König gerichtet. Er folgte dem Leichenwagen in der Oberstenuniform seines Infanterieregiments. Einen rührenderen und herzbrechenderen Ausdruck des tiefinnersten Schmerzes über den Verlust eines geliebten Vaters kann es nicht geben, als den, welchen König Ludwig II. in Gang, Miene und Haltung bei dem Zuge bot. Die hohe und schlanke Gestalt des Königs war wie geknickt, der Gang fast schwankend und das edle Antlitz bleich und tränenschwer; so war er ganz in seinem Schmerz vertieft. Er sah und hörte nichts, was um ihn vorging; und doch war sein ganzes Auftreten zugleich männlich, gefaßt und distinguiert... Der Anblick des jungen Königs entlockte allen die Tränen des innigsten Mitgefühls.“

Ludwig II. übernimmt seine königlichen Amtsgeschäfte mit den besten Vorsätzen. Einer von Ludwig sehr geschätzten und geliebten Erzieherin, der Freifrau Sibylle von Leonrod, schreibt er am 17. März 1864 folgenden Brief:

„Der liebe Gott wird mir (mit festem Vertrauen blicke ich zu ihm) sicher seinen Beistand in meinem schweren Berufe nicht versagen; ich bringe ein Herz mit auf den Thron, das in väterlicher Liebe für sein Volk schlägt, für seine Wohlfahrt erglüht; - davon können alle Bayern überzeugt sein!
Was immer in meinen Kräften steht, will ich tun, um mein Volk zu beglücken; sein Wohl, sein Friede seien allein die Bedingnisse zu meinem eigenen Heil und Frieden!“

All die vielen Menschen, die Ludwig II. damals sahen, rühmten den edlen Anstand, die wahrhaft königliche Würde, mit der er die ersten zeremoniellen Pflichten erfüllte. Bei der Beeidigung auf die Verfassung sprach er außergewöhnlich eindrucksvoll, mit sehr viel Rührung, Nachdruck und Herzlichkeit, daß selbst die Herren Staatsräte tatsächlich bis zu Tränen gerührt waren.
Als Ludwig den Thron bestieg, erschien er fast allen als ein wirklich wahrer Götterjüngling. Nicht nur die Frauenwelt schwärmte für ihn, auch die Männer empfanden den Zauber seiner angeborenen, vornehmen Liebenswürdigkeit. Schon gar nichts hatte er von der etwas steifen Art, die sein Vater niemals ganz entbehrte, noch von der zuweilen etwas indiskreten Ausfälligkeit, durch die sein Großvater doch manche sehr verletzte.
Luise von Kobell-Eisenhart erzählt uns sehr beeindruckend über die Persönlichkeit König Ludwigs II.:
„Von König Ludwig II., dessen Wesen ich durch eigene Anschauung sowie durch Äußerungen der verschiedensten Personen mannigfach zu beobachten Gelegenheit hatte, will ich versuchen, ein wahres Bild in Bezug auf Charakter, Gepflogenheiten und andere sein Privatleben beeinflussende Eigenschaften zu geben.
König Ludwig II. war eine majestätische Erscheinung. Seine Schönheit hat wesenlich dazu geholfen, ihm die Neigung des Volkes zu gewinnen, die er in so hohem Grade besaß. Sein Blick, sein Augenaufschlag wirkten so mächtig auf das weibliche Geschlecht, daß mehr als Eine, trotz seiner Kälte, in Liebe zu ihm entbrannte und ihre vergebliche Schwärmerei durch eine Gemütskrankheit büßte. Manche trug heimlich abgeschnittene Haare eines von Ludwig gerittenen Pferdes in ihrem goldenen Medaillon, oder Blumen, über die sein Fuß geschritten. Der König war ritterlich und liebenswürdig gegen Damen, aber Keine vermochte es je, ihn zu fesseln, noch weniger ihn zu beherrschen. Seine Verlobung mit Sophie, der liebreizenden Tochter des Herzogs Maximilian in Bayern, im Jahre 1867 löste sich nach wenigen Monaten aus nicht bekannten Gründen. Seine Unterhaltungsgabe war so gewinnend, daß Männer der verschiedensten politischen Richtungen von ihm bezaubert wurden; war Absicht dabei, so freute sich der König des leichten Sieges.
Audienzen erteilte er in der Regel ungern; deshalb mußte mancher Hoch- und Niedriggestellte seine Geduld üben, bis er vorgelassen wurde, oder schließlich ohne Audienz abziehen. Auch hierin herrschte eine Mannigfaltigkeit, die den Psychologen den Ariadnefaden verlieren ließ. Denn huldvollst empfing Ludwig II. heute das Haupt der Ultramontanen, morgen Ignaz Döllinger; fremden Majestäten ward die Besichtigung seiner Schlösser odes seines Wintergartens nicht gegönnt, einen republikanisch gesinnten Studenten aus der Schweiz aber führte der Monarch in höchst eigener Person darin umher.

In der Phantasie schwärmte der König für Frankreich und bewunderte Ludwig XIV. – in der Wirklichkeit hielt er treu zu Deutschland, und war der echte Verbündete des Kaisers. In Ludwig dem Vierzehnten von Frankreich verehrte Ludwig II. das Musterbild eines Königs. Wie jener hielt er die Pracht für das notwendigste Attribut eines Herrschers, und der Stolz d.h. das Selbstgefühl hoch über andere Menschen zu stehen, war ihm ebenso zu eigen wie jenem.
Während des Aufenthaltes in München wohnte der Monarch bis um das Jahr 1874 regelmäßig dem sonntäglichen Hochamt in der Königsloge oder einer Messe in der Allerheiligen-Kirche an. Hatte er sein Hoflager in Berg am Starnberger See aufgeschlagen, so hörte Ludwig II. vormittags 11 Uhr die Messe in der Dorfkapelle zu Oberberg, und der Zutritt war Niemanden verwehrt. In Hohenschwangau fand der sonntägliche Gottesdienst in der schönen gotischen Schloßkapelle statt. Nach jenem Zeitpunkt ließ der König zu München meist in der alten Hofkapelle eine Messe für sich allein celebrieren und besuchte in Berg nur mehr das in seinem Parke aufgeführte Kirchlein.
Voll Gewissenhaftigkeit prüfte Ludwig II. prüfte Ludwig II. jedes Todesurteil, und gelegentlich eines Erschießungsfalles wurde wiederholt mit dem Kriegsminister Rücksprache genommen, da der König weder vorschnell das Urteil vollstrecken noch übertriebene Milde walten lassen wollte. Derselbe Geist verhängte später in seiner Phantasie über manchen Rechtschaffenen Kerker und Todesstrafe, aber in der Wirklichkeit krümmte er ihnen kein Haar.
Auffallend war des Königs Menschenkenntnis bei seinem geringen Umgange mit Menschen, deren schwache Seiten er alsbald herausfand, auch wohl benützte.
Schmeicheleien war er wenig zugänglich, und jede Gesprächsschablone langweilte ihn. Seine Aussprüche waren treffend, bisweilen scharf. Ich habe mir einige aufgezeichnet, wie: Ein Regent ist oft das Ovationsopfer einer Festfeier. Oder: Die Germania ist ein von allen Fürsten geherztes Weib. Oder: Die Ungnade soll mit elektrischem Lichte beleuchtet werden. Oder: Was e i n m a l unterhaltend ist, wird zuwider, wenn sich eine Serie daran reiht. Oder: Das Gefühl der Reue ist das schrecklichste von allen. Oder: Ich wünsche, daß mein Ausspruch ausposaunt werde!
Häufig gebrauchte Ludwig II. französische und lateinische Zitate. Unangenehm war ihm die Titulatur: Königliche Majestät, er wünschte nur: Majestät.
Das in unserer Zeit so viel gebrauchte Wort: schneidig konnte er nicht leiden. Das absolute Königtum, der unumschränkte Herrscher war sein Ideal. Bei einem Auftrage schrieb er zumeist: Ich, der König, will es, Mein Entschluß steht fest, Ich befehle es, Yo El Rey.
Manchmal bildete das Wort: Amen den Schluß eines Briefes.
Durch die Verfassung wähnte sich Ludwig II. an der Ausführung großer Taten gehindert: somit umgaukelte ihn während der ersten Jahre seiner Regierung der verlockende Traum einer Staatsumwälzung behufs Wiederherstellung absolutistischer Regierungsformen. In jugendlicher Begeisterung ließen sich einige Schwärmer für diesen abenteuerlichen Plan gewinnen, ein Schlößchen an einem bayerischen See würde für die Bastille erworben – aber wie so oft siegte die bessere Einsicht und alles blieb ein Traum. Denn Ludwig II. führte stets ein reiches Phantasieleben neben dem in der Wirklichkeit. Deshalb begeisterten ihn wechselweise Karl V., Philipp II. von Spanien, Ludwig XIV., Schillers Tell, Parcival und so weiter. Aus diesen mannigfachen Geschmacksrichtungen gingen des Königs Bauten und prächtige Ausstattungen hervor. Nur ausnahmsweise durfte der Eine oder Andere die reichgeschmückten Räume sehen.
Wie vieles bei diesem Könige eigenartig war, so war auch seine Tageseinteilung, denn er richtete sich dabei mehr nach dem Monde als nach der Sonne. Er schlief oder ruhte bis 12 Uhr mittags, nach beendeter Toilette erledigte er täglich mit seinem Kabinetschef staatliche, zweimal in der Woche mit seinem Hofsekretär finanzielle und in die Künste einschlägige Angelegenheiten, wobei Ludwig II. eine äußerst rasche Auffassung, einen scharfen Einblick in die Verhältnisse und vielen Schönheitssinn bekundete. Er nahm seine Mahlzeiten allein an einem kleinen, unbequemen Ecktischchen in seinem Schreibzimmer ein. Erteilte er Nachmittags-Audienzen, so speiste der König während des Vortrages seines Kabinetts- oder Hofsekretärs. Von 17 bis 18 Uhr fuhr er spazieren, dann besuchte er das Theater oder unterhielt sich in seinem Wintergarten mit Betrachtung eingesandter Baupläne, Aquarelle und Kupferstiche.“

Soweit Louise von Kobell-Eisenhart über König Ludwig II. von Bayern. Das Bild zeigt den jungen König in der Generalsuniform.
- Fortsetzung folgt -



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