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Kolumne 27

Erstes Kapitel der Biographie
Der junge König
2. Teil

Fast alles, was König Ludwig II. unternahm und plante, stand im Widerspruch mit den Anschauungen, den Traditionen und Lebensgewohnheiten der Königin Marie, seiner Mutter. Es sind viele Züge bekannt geworden, welche bekunden, dass Ludwig als Knabe und Jüngling seine Mutter zärtlich liebte. Das ganze erste Taschengeld, das er erhielt, gab er hin, um ein Medaillon für sie zu kaufen. Eine seiner ersten Regierungshandlungen nach der Thronbesteigung war, ihr, statt des Titels einer Königin-Witwe, den “Königin-Mutter” zuzuerkennen.
An einem der ersten Weihnachtsfeste nach dem Tod von Max II. erstrahlte vor ihren Fenstern in Hohenschwangau eine dort befindliche riesige Tanne im Lichterglanz. Ludwig erfüllte ihr gern jeden Wunsch und überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten.
Allein das Zusammenleben in dem nicht sehr großen Schloß zu Hohen- schwangau, in dem die Königin übrigens ihre Flitterwochen verlebt hatte, führte trotz getrennter Hofhaltungen aber zu mancherlei Meinungsverschieden- heiten, die wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrugen, den Plan der Erbauung einer zweiten Burg zur Reife zu bringen.
Wie so vielen Müttern fiel es auch der Königin Marie schwer, in ihrem Verhalten gleichen Schritt mit den eilenden Jahren zu halten und dem einstigen Kind nicht nur die Mannes-, sondern, was Ludwig verlangte, die Königswürde zuzuer- kennen.
Der Redakteur Anton Memminger gibt uns ein Beispiel hiervon: “In den ersten Jahren seiner Regierung”, so erzählt er, “fuhr Ludwig II. in Hohenschwangau mit der Königin noch aus und leistete ihr abends Gesellschaft. Das dauerte aber nicht lange. Später machte er, nachdem er sich abends von ihr verabschiedet hatte, seine nächtlichen Spazierfahrten und schlief bis in den Tag hinein. Dies geschah auch einmal am Tage ihrer Abreise. Der König war erst am frühen Morgen heim- gekommen und hatte nicht befohlen, ihn wecken zu lassen.
Der Wagen für die Königin stand seit länger als einer Stunde im Schloßhof bereit; sie selbst schritt wartend in der unteren Halle auf und ab, bis sich ihre nervöse Ungeduld in einen kräftigen Unwillen verwandelt hatte, der sich über dem Haupte des endlich erschienenen Sohnes entlud. Sie schimpfte ihn aus, als ob er noch der kleine Ludwig wäre, der sich an ihrem Rocke festhielt, und so, dass es alle Bediensteten hörten. Kein Fremder täte ihr das an, was ihr eigenes Kind ihr zufüge und so fort. Der König verlor die Fassung nicht. Er küßte der erregten Mutter wiederholt die Hand, bat um Verzeihung wegen der Verspätung und geleitete sie an den Wagen, indem er neben ihr Platz nahm, um sie zur Station zu begleiten. Aber er lud sie so bald nicht wieder ein.”

Ferdinand Mayr-Ofen gelang es, den Bayernkönig im richtigen Licht zu porträtieren:
“(…) Mit unruhvoller Spannung erwarteten die altgedienten Hofbeamten das erste Manifest des Königs. Das Volk mochte sich um die Bilder raufen, die von dem königlichen Jüngling in den Straßen feilgehalten wurden, und sich vor den Auslagen stauen, in denen sein Porträt ausgestellt war. Die Räte waren bei der bedächtiger; sie fragten besorgt, wie dieser junge König, der immer sich der Wirklichkeit gesperrt hatte, die schwierigen Zeitprobleme meistern könnte. Graf de la Rosée sprach deutlich aus, König Max sei zu früh gestorben. Um viele Jahre zu früh!
Beim feierlichen Akt der Eidesablegung eroberte der junge König aber auch die Herzen der Besonnensten. Alle Au genzeugen berichteten, wie ‘Anstand und Würde seines Verhaltens’ die Besorgten gewonnen habe.(…)
Dann fand ein Satz zu den Versammelten, der, knapp und gedrängt, das politische Bekenntnis des neuen Monarchen zu enthalten schien: ‘Die Wohlfahrt meines geliebten Bayern und die Größe Deutschlands sollen das Ziel meines Strebens sein‘.

Das erste Manifest des Königs erwies sich den Überraschten als Bekenntnis zu einem politischen Programm. Die Doppelstrebigkeit der Politik in deutschen Bayern zwei feindliche Lager geschaffen. Der hingeschiedene König hatte sich noch vom Krankenlager aus als überzeugter Anhänger des Partikularimus gezeigt. Wollte der junge König den romantischen Sehnsüchten seines Großvaters sich hingeben und für ‘Teutschland’, für ein wiedergeeinigtes großes Deutsches Reich die Wege vorbereiten?
Der bayrische Adel, dem die Staatsräte angehörten, war nur auf Stärkung der bayrischen Hausmacht bedacht, die ihnen selber die politische Macht garantierte. Und der König würde gewiß - denn von der Verkündung eines Programms bis zu seiner Verwirklichung ist ein weiter Weg - es den alten Räten überlassen, die Wege der Politik zu bestimmen!
Das Gehaben des jungen Monarchen schien diese Hoffnung zu rechtfertigen. Ludwig gab sich leutselig, betont freundlich, vor allem den Ratgebern seines Vaters gegenüber. Es gefiel den Ministern und Räten, daß der König, wenn ihm schwierige Probleme so vorgetragen wurden, als ob er sie schon entscheiden könnte, offenherzig die Frage stellte: ‘Wie pflegte mein Vater zu entscheiden?’
Das Gehaben täuschte die Räte wie das Volk. Der Jüngling, der sich früh ein Herrschertum im Geiste Ludwigs XIV. erträumt hatte, war nicht gesonnen, den Wahlspruch ‘L’Etat c’est moi’ aufzugeben.
Wenige Wochen nach der Thronbesteigung schon äußerte er zum Großherzog von Hessen, seine Stellung müsse eine absolutistische sein; nur die des Kaisers von Rußland sei die eines Fürsten würdige. Der hessische Landesfürst, Regent in einem durchaus demokratischen Lande, antwortete ihm in seiner derben Art: ‘Da werden Eure königliche Majestät, mein allerliebster Neffe, noch öfters tüchtig anpumpsen.’

Schon die erste wichtige Entscheidung, die zu fällen war, bewies eine durchaus selbständige, ja planvolle Aktivität des Königs. Man hat diese erste Stellungnahme, ‘das Programm’ das Ludwig II. am 17. Mai 1864 in Schloß Berg dem Kabinettssekretär von Pfistermeister übermittelte, zu wenig beachtet und nicht genügend als Dokument dieser bewußten politischen Zielstrebigkeit des Königs gewertet. In Wahrheit bewies dies ‘Programm’, daß Ludwig II. gesonnen war, die Regentschaft autokratisch zu führen und diese Autokratie verfassungsmäßig, also in Abänderung oder Abschwächung der bestehenden Verfassung, zu verankern.
Anläßlich der Ernennung Eduard von Bomhards zum Justizminister stellt Ludwig II. seine Grundsätze auf: ‘Fernhaltung des Parlamentarismus, Erhaltung des Schwerpunktes der Regierungsgewalt in der Hand des Monarchen, Aufrechterhaltung der Grundsätze Max’ II., Befolgung einer wahrhaft deutschen Politik mit ungeschmälerter Aufrechterhaltung der Integrität und Selbständigkeit Bayerns, das an der Spitze der Mittelstaaten bleiben und das bisherige Ansehen nach außen wahren soll.’
Dieses erste selbständige Elaborat des jungen Königs zeigt seinen Willen zu einer aktiv gerichteten, einer lenkenden Staatsführung.
Erstaunlich ist es, und überraschend erschien es schon der höfischen Umgebung, daß ‘der Jüngling, der eigentlich nichts gelernt hatte’, seiner romantischen Ideologie mehr als das Ungefähr politischer Rhetorik, dass er ihr ein realpolitisches Programm zuzuordnen vermochte. Die Herren, die noch den ‘liberalen Aufschwung’ der 48er-Zeit mit Behagen miterlebt hatten, die sich noch am billigen Triumph über Lola Montez und ihren königlichen Beschützer gefreut hatten, fanden das Programm bedenklich reaktionär. Der achtzehnjährige König überraschte die Umwelt durch sein politisches Programm, überraschte sie schon durch die Tatsache: daß er der Wirklichkeit gegenüber eine persönliche und sachnahe Einstellung gefunden hatte.
Das Volk als politische Einheit war starrsinnig, es pochte auf seine Rechte, es fühlte sich in seiner Gesamtheit als Gegenpol des Monarchen und war stets bereit, absolutistischen Gelüsten des Herrschers seine demokratische Robustheit ent- gegenzusetznen. Das Volk als Summe von Einzelnen, als Gefüge von Menschen, hatte sich aber die urkräftige Eigenart bayrischen Wesens bewahrt: den Primat des Gemütes, die tiefgründige Neigung für das Sentimentale; und immer waren diese Menschen bereit, mit spontaner Sympathie den zu beschenken, der ihr Gefühl zum Schwingen brachte. Nun geschah es ihnen, daß Ludwig II. bei seinem ersten Erscheinen im königlichen Ornate, mächtiger als je zuvor ein Mensch, ihr Gemüt bewegt hatte. ’Überirdisch in seiner Schönheit’ - so nennt ihn jeder der Zeitgenossen, welches Blatt wir immer aufgreifen, das heimlich bekritzelte Tagebuch einer Magd, oder die bewußt stilisierten Aufzeichnungen der Journalisten, die sorgsame Eintragung der Geschichtsschreiber oder die ver- antwortungsbewußte Schilderung der zeitgenössischen Literaten. Alle Bedenken der kritikfreudigen Menge und alle Besorgnis über des Königs Jugendlichkeit wurden zunächst durch den überwältigenden Eindruck seiner Erscheinung erstickt. Der Jubel, das Jauchzen der Menge, der Enthusiasmus, zu dem ein dynastisch gesinntes Volk sich immer bereit findet, gewann die Höhe des Entzückens. Die ‘Liebe des Volkes’, die immer, mühsam oder leicht bewirkbar, den dem jugendlichen König entgegen.
Auch der junge Franz Joseph hatte nach der Thronbesteigung durch Anmut und adlige Haltung entzückt; aber Ludwig II. strahlte geheime Kraft aus , die selten Lebenden zuteil ward.

Leopold von Ranke, gewiß kein Schwärmer, der sorgsame Deuter geschichtlicher Wirklichkeit, wagte die panegyrische Schilderung des jungen Monarchen: ’Er hat die volle Lieblichkeit und Anmut der Jugend, der es einen eigenen Reiz verleiht, daß eine unbestimmte, hoffnungsvolle, jedoch nicht leichte Zukunft über ihr steht…’

Die zauberische Wirkung seiner Gestalt mußte sich jedem mitteilen, der ihm begegnete. Das Gemälde, das Piloty von Ludwig gemalt hatte und das ihn im Krönungsornate zeigt, hat der Nachwelt den Eindruck seiner Erscheinung bewahrt. Königliche Würde und Hoheit gehen von der schlanken, stolzen Gestalt aus; das jugendliche Haupt ist erhoben, der Blick der großen träumerischen Augen leuchtend in die Ferne gerichtet. Die auffallend hohe, wuchtend breite Stirn über dem schmal zulaufenden, ovalen Gesicht wird von dem Gelock dunkler Haare überwallt. Das Haar bewirkte das Unmilitärische, das Unpreußische seiner Erscheinung; in seiner kühnen, kaum gebändigten Wildheit gab es ihm das Aussehen eines Künstlers, und dies war es, was das Volk am meisten entzückte.

In der Begeisterung, die ein ganzes Volk umfing, stimmt auch ein Künstler ein, der in diesen Tagen zufällig als Reisender die bayrische Hauptstadt berührte. Die Bilder des jungen Königs schmückten alle Schaufenster; der Reisende verweilte lange vor Ludwigs Porträt.
‘Es war Karfreitag. Vor wenigen Tagen war König Maximilian gestorben und hatte seinen Sohn in dem so jugendlichen Alter von 18 Jahren als Thronerben hinterlassen. An einem Schaufenster sah ich das Porträt des jungen Königs, welches mich mit der besonderen Rührung ergriff, die uns Schönheit und Jugend in vermutet ungemein schwieriger Lebenslage erweckt.’
So hinreißend, so wunderwirkend drang die Schönheit des Königs auf den zufälligen Betrachter ein, daß er, ein von Sorgen Niedergeworfener, sich an dem Bilde des jungen Monarchen aufrichtet; daß er, ein Hoffnungsloser, durch die ’himmlische Erscheinung’ des jungen Königs neue Kraft zu finden meint. Er verließ München am nächsten Tage, das Bild des jungen Königs im Herzen, ein unbekannter Gast in der vom Freudenrausche noch ganz erfüllten Stadt. Er wanderte weiter, unbekannten Zielen zu, ein müde gehetzter Mensch, der nichts besaß als diesen Funken neuer Hoffnung. Dieser Reisende war Richard Wagner.”
Soweit die Ausführungen von Ferdinand Mayr-Ofen.

Nachstehend die Abbildung von Schloß Hohenschwangau; in diesem Schloß haben die Prinzen Ludwig und Bruder Otto ihre Kindheit verbracht, hier sind sie aufgewachsen.
Federzeichnung: Michael Glowasz

Fortsetzung folgt.


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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