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Kolumne 30

Erstes Kapitel der Biographie
Der junge König
5. Teil

Ohne Zaudern zeigte sich Ludwig auch stets in der Öffentlichkeit bei den üblichen Gelegenheiten. Wenn die Fronleichnamsprozession sich unter Hymnen und Glockenklang durch die birkenlaubgeschmückten Straßen bewegte, schritt Ludwig mit brennender Wachskerze hinter dem Sanctissimum durch das kniebeugende Volk.

Leopold von Ranke bemerkte einmal:
“Er ist, was er sein kann - der gute Wille seines Vaters beseelt auch ihn.”
Übrigens war bei Ludwig unzweifelhaft immer eine starke Religiosität vorhanden. Allabendlich wurde ein kleiner Tragaltar entfaltet und auf sein Nachschränkchen gestellt, wo auch immer er sich aufhalten mochte. In allen seinen Wohnungen mußten Betschemel stehen. Er erschien Sonntags regelmäßig zu Messe und Hochamt, in Berg am Starnberger See auch in der Dorfkirche, wobei niemandem der Zutritt verwehrt wurde. Als 1875 in der mitternächtigen Christmette der König neben der Mutter kniete, legte er plötzlich das Gebetbuch nieder und verbarg schluchzend das Gesicht in den Händen. Die tief- erschrockene Königin rief leise den Prinzen Luitpold herbei, der in der Nebenloge kniete. Er beugte sich zu Ludwig hinab und suchte beruhigend auf ihn einzureden, doch der König antwortete lange nicht, bis er plötzlich aufstand und sich dem alten Prinzen weinend an die Brust warf. Dabei aber fiel der Name Battistella - der Name eines zwanzigjährigen Raubmörders, den der König gern begnadigt hätte; nach sehr langwierigen Debatten mit dem Justizminister erst hatte er sich bestimmen lassen, das Todesurteil zu bestätigen.
In den folgenden Jahren hat der König aber auch immer wieder gänzlich unerkannt in München an Mitternachtsgottesdiensten in der Frauenkirche teilgenommen - ein Zufall, ein vergessener Regenschirm, den ein königlicher Lakai abholte, verriet ihn. Noch am letzten KarFreitag seines Lebens pilgerte er in schwarzer Kleidung auf den Kalvarienberg bei Füssen und betete an allen 14 Kreuzwegstationen. Und man wird ihn sich auch in der Beichte vorstellen können, den mächtigen Körper in das schwärzliche Gestühl gezwängt, den dunklen lockigen Kopf an das Holzgitter geschmiegt, hinter dem jemand saß, der Untertan des Königs war und dennoch imstande, ihn von Sünden freizu- sprechen.
Im April 1865 fällt dann aber der österreichische Gesandte, Graf Blome, ein sogenanntes “kritisches Urteil” über den bayerischen König, welches sich dann so anhört:
“Das Aussehen Seiner Majestät läßt nichts zu wünschen übrig und zeugt von zunehmender Kräftigung der bisher etwas zarten Konstitution des jugendlichen Monarchen. Wie erfreulich nun der Gesundheitszustand des jungen Fürsten zum Besseren gewendet ist, wie sehr sein äußeres Auftreten an Sicherheit gewonnen hat, wie leicht er auch sich in der gewöhnlichen Rede ausdrückt - ich kann dennoch nicht verhehlen, daß er in Bezug auf seine geistige Entwicklung keinen günstigen Eindruck hinterläßt. Von politischen Dingen, besonders von den Fragen der Gegenwart, weiß er noch weniger, als bei seinem jugendlichen Alter zu erwarten ist. Je weniger der jugendliche Verstand in die Tiefe einer politischen Frage zu dringen vermag, desto sorgsamer pflegt er das Äußere desselben, das Detail zu erfassen, wenn er dem Gegenstande überhaupt Interesse widmet. Mir scheint nun, daß der König im Grunde der Politik nur sehr geringe Aufmerksamkeit schenkt und durch allgemeine Redensarten seinen Mangel an Interesse zu verdecken sucht, deshalb aber auch es vermeidet, mit den Diplomaten in häufigere Berührung zu treten.
Beurteile ich den jungen Fürsten recht, so hat die Natur ihm mehr Einbildungskraft als Verstand gegeben und ist in der Erziehung das Herz am meisten vernachlässigt worden.”
Graf Blome steigert dann sogar noch seine “Kritik” mit den Worten:
“Ein übertriebenes Selbstgefühl, Eigenwilligkeit und Rücksichtslosigkeit machen sich in bedenklicher Weise geltend. Der König duldet keinen Rat, den er nicht verlangt hat, und straft jede direkte Vorstellung gegen eine seiner Anordnungen durch wochen-, oft monatelange Ungnade. Staatsrat von Pfistermeister erhält sich nur darum so lange in der Allerhöchsten Gunst, weil er nie offen entgegentritt, sondern höchstens versucht, die Wirkungen der erteilten Befehle vor oder während der Ausführung auf Umwegen und unmerklich zu paralysieren.
Musik und Literatur sind die Hauptneigungen Seiner Majestät. Neben der Oper pflegt der König mit jugendlichem Feuereifer, oder vielleicht besser gesagt, mit Neugierde das deutsche Drama. So mußte kürzlich ’Don Carlos’ in extenso gegeben werden. Literaten und Künstler werden mehr als andere Klassen der Bevölkerung zur Audienz zugelassen.
Dem Tee Ihrer Majestät der Königin wohnt der König nur einmal die Woche bei und findet überhaupt bis jetzt keinen Wohlgefallen an Damengesellschaften und Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. So von der praktischen Welt abgeschlossen, gewinnt die Phantasie begreiflicherweise immer größeren Spielraum.”
Nun, eine sehr eigenwillige und subjektive Kritik des Grafen, die nicht ganz den Tatsachen entspricht.

Den Sommer über hält sich dann Ludwig II. vorwiegend in Berg und Hohenschwangau auf und erscheint erst zum Oktoberfest wieder in München.
“Übrigens München”, so erzählt uns jetzt nachfolgend der Buchautor Werner Richter, “war damals trotz ihrer etwa 150.000 Einwohner keine Großstadt. Noch entstand, wenn es regnete, auf dem Karolinenplatz rings um den Obelisken ein See, auf dem sich die Enten der benachbarten englischen Gesandtschaft tummelten. Noch trieb der Ziegenhirte morgens seine Herde durch die Straßen und verkaufte naturwarme Milch. Noch lag die Altstadt gewinkelt und gebuckelt um den Riesenklotz der Frauenkirche mit ihnen zwei patinagrünen Turmkapseln - ein Symbol der Unbeweglichkeit. Noch trug München dort, wo seine Gassen sich zur Aufnahme bäuerlichen Fuhrwerks weiteten, den derb-heiteren Charakter eines ländlichen Marktplatzes. Vielerorts überragten dicke schwarze Brauereikamine die spitzen Dachfirste.
Unmittelbar an die Altstadt schlossen sich die Neuanlagen der Könige Ludwig I. und Maximilian II.: oft noch lückenhafte Straßenzüge, Chaussee eher, die sich in der freien Landschaft verliefen, worin das klassische Weiß und Hellgelb der Neubauten von großen und zahlreichen Gärten umgeben und verdeckt wurde. Grasbewachsene Gräben, in denen barfüßige Jugend spielte, begleiteten die neuen Straßen, zu deren Haustüren hölzerne Stege führten. Und meistens noch von Kühen gezogene ländliche Fuhrwerke bewegten sich langsam über die Prachtplätze Ludwigs I.
Der neuen Zeit war unter Maximilian immerhin durch den Glaspalast Genüge getan, ein Ungetüm, das den Crystal Palace der Londoner Weltausstellung von 1851 nachahmte. Sonst betrug die Zahl der großen Spiegelscheiben in der ganzen Stadt kaum ein Dutzend.
Die Bevölkerung in ihrer Masse stellte immer noch die letzte Ausgipfelung des Altbayerntums dar. Immer noch saß die bäuerliche Lebensschwere so fest auch in der Stadt, daß der allmählich stärkere Einstrom Fremder, besonders aus den neuen Provinzen, daran so gut wie nichts änderte. Klassen und Kasten flossen in ein zwischen Großbauer und Kleinbürger schwebendes Juste-Milieu zusammen. Die jedem zugebilligte Anrede ’Herr Nachbar’ überschritt absichtlich alle sozialen Grenzen. Die ländliche Tageseinteilung, der zeitige Arbeitsbeginn, das Mittagessen um elf Uhr war unabänderlich.
Und ebenso war der Gang des Jahres durch die strikte Einhaltung der spezifisch Münchener Fest- und Feierzeiten - beginnend mit dem Fasching am Drei- königstag und endend mit Oktoberfest, Kirchweih und Allerheiligen im Herbst - schon im voraus weithin bestimmt. Man war zufrieden mit dem, was man hatte, und konnte sich unter Neuerungen nur Übles vorstellen. Das Ruhebedürfnis des bayerischen Staates war hier zur Lebensparole des Staatsbürgers geworden. Natürlich entstand damit die Gefahr geistiger Stagnation, besinnungsloser Versippung und der Diktatur von Verwandtschaft, Freundschaft und Duzbrüderschaft zuungunsten des Talentes. Trotzdem wurden Fremde, sofern sie sich nur nicht anmaßend benahmen, duldsam aufgenommen. Man verstand, das Leben mit dem Lebenlassen zu verbinden. Freilich, so wie jeder für jeden nur Lob hatte, galt Kritik am Überkommenen als überflüssig und umstürzlerisch.
Dennoch, wenn die oft ja schon ganz südliche Münchener Sonne den Odeonsplatz vor den Fenstern des Königs beschien, das kraftvolle Gelb der Paläste und der Theatinerkirche sich erwärmte und belebte und eine angeregte Menge - etwa beim mittäglichen Aufzug der Residenzwache - den weiten Raum zwischen der Feldherrnhalle und dem Reiterdenkmal Ludwigs I. erfüllte, so konnte man doch glauben, das symbolische Bild eines von urwüchsiger Lebenskraft erfüllten, glücklichen Gemeinwesens vor sich zu haben: diese rundschädeligen Bürger mit den breiten, kurvenreichen Figuren, ihre etwas massiv, doch gut gewachsenen und frohgemuten Frauen und Mädchen, dazwischen gemischt die rassigen Gestalten der Gebirgler mit den federgezierten Spitzhüten, die schwarzen Geistlichen, die braunen Mönche, die lichtblauen Offiziere, die an winzigen Mützen silberne Königskronen trugen, dann vielleicht ein Maler mit seiner Skizzenmappe oder ein bücherbeladener Gelehrter, der der Bibliothek zustrebte - auf dem Fahrdamm gleichzeitig einherklirrend Brauer- wagen mit Riesenrossen oder in eleganter Wucht anrollende Hofequipagen - alles überflattert von Schwärmen zutraulicher Tauben - alles von einem breiten, behaglichen, wenn man will, etwas großspurigen Gehabe - es war ein dennoch immer neues Schauspiel dieser Stadt vor sich selbst, voll Anmut und schwer vergeßbarem Zauber.
Der junge König liebte seine Residenz trotzdem nicht. Auf ihn, der sich im Einzelgespräch so gewandt zeigte, wirkten größere Menschenansammlungen frühe schon hemmend. Hinzu kam, daß das durchgängige Phlegma der Münchener Lebensstimmung, das in den volkstümlichen Bierkellern ebenso zu Hause war wie in den hübschen rotgoldenen Empiresalons der Ministerien, mit Ludwigs eigener beweglich schwebender und schweifender Sinnesart nicht harmonieren wollte. Die genügsame Banalität der Münchener Existenz und ihre Lust am Banalen verletzte ihn mehr, als er selbst vielleicht schon wusste. Sein Pflichtgefühl war damals zwar noch zu stark, als daß er sich, wie das später die Regel wurde, für Wochen und Monate aus der mißachteten Stadt entfernt hätte. Aber sobald er glaubte, es sich erlauben zu dürfen, entwich auch der junge König schon aus München südwärts in die Landschaft der Berge.
Sie war ihm seit Kindheit vertraut. Leichter von München zu erreichen und daher sein häufigster Aufenthalt war Schloß Berg (nach dem er sich auf Reisen auch ’Graf Berg’ nannte), ein würfelförmiger, typisch altbayerischer Schloßbau geringen Umfangs, mit Zeltdach, Eckturm und Zinnenbekrönung. Hier, in Räumen, die in ihrer simplen Einrichtung in nichts etwa diejenigen des Herrenhauses eines zeitgenössischen Rittergutes übertrafen, hat Ludwig wahrscheinlich den größten Teil seiner Regierungsjahre verbracht.

Vor seinen Fenstern pochte an das Gestade des mäßig großen Schloßparks der Wellenschlag des Starnberger Sees, eines weiten, öfter rauen und harten als freundlichen Gewässers.

Zur Linken hatte der König die Roseninsel vor Augen, ein in Schilf verdämmerndes, unbewohntes Eiland, zu dem ihn bisweilen sein kleines grünes Dampfboot trug, zur Rechten, am Gegenufer des Sees, Schloß Possenhofen, dem Herzog Max gehörig und Sommeraufenthalt Elisabeths von Österreich.
Am liebsten freilich übernachtete der König in der völligen Einsamkeit der oder jener vielen Jagdhütten, die von seinem Vater im Hochgebirge errichtet worden waren. Da saß er dann viele Abende hindurch, stundenlang allein, an einem primitiven Herd, in dem er selbst die Scheiter immer wieder erneuerte, in Lektüre versunken, während draußen die vollkommene Erstarrung der Hochgebirgsnacht waltete, die knochenweiße Vereisung, die der Mondschein über die Felsen legt.” Soweit Werner Richter.

Im August 1865 schreibt dann Ludwig II. an Frau von Leonrod:
“Daß ich ein paar Monate im besten Wohlsein in Berg zubrachte, wird Dir bekannt sein; ich unternahm von dort aus viele herrliche Reitausflüge ins Gebirge, die mir alle sehr gut bekamen. Seit ein paar Wochen bin ich wieder in meinem lieben, trauten Hohenschwangau. Im nächsten Winter werde ich dann neu gestärkt an die Arbeit gehen, die mein wichtiger Beruf mir auferlegt, ich werde der ernsten Studien mich befleißigen und alle meine Kräfte aufbieten, um mein teures Bayernvolk glücklich zu machen.”

Ganz allmählich schon begannen die ersten Widerstände gegen alle Be- strebungen Ludwigs. Man behauptete und widerrief, man log und verfälschte, um wieder zu berichtigen. Ludwig II. wurde von Haß und Intrigen schon ganz langsam in die Einsamkeit getrieben.
Doch der Bevölkerung erschien König Ludwig II. als Märchenprinz, als ein Apoll, ein Adonis, ein zweiter Lohengrin.
Doch diese Begeisterung entsprach eigentlich nicht ganz der Wirklichkeit. Freilich, mit seinen großen, glänzenden Augen, den feingeschnittenen Zügen und dem künstlich gekräuselten Haar war Ludwig zweifellos immer noch eine blendende Erscheinung. Er hatte ein romantisches Aussehen und machte auf alle weiterhin stets einen guten und tiefen Eindruck. Gewiß wirkte seine körperliche Größe und seine Eleganz, aber die übergroßen Ohren ließen sich kaum übersehen. Außerdem hatte er abfallende Schultern und seine Kleider und Schuhe schienen ihm immer einige Nummern zu groß zu sein. Den Münchnern aber, die ja an Maxens biedere Erscheinung gewöhnt waren, ist es wohl zu verzeihen, wenn sie die Schönheit ihres neuen Königs etwas übertrieben und sich dann auch total in ihn verliebten. Fraglos ist: König Ludwig II. konnte und mußte jeden bezaubern.
Wie groß allerdings das Bedürfnis des Königs nach Einsamkeit und Ruhe tatsächlich ist, beweisen wohl die Zeilen aus einem Brief Ludwigs vom September 1865:
“Hier verlebe ich unruhige Tage; ich werde am Sonntage auf einige Tage mich wieder hinaufflüchten in die heilige Ruhe der Natur, in die reine Luft der Berge; dort werde ich endlich wieder aufatmen können nach den Mühen bewegter Tage, lästiger Besuche; dort oben in wonniger Einsamkeit, auf Bergeshöhen, werde ich die mir so nötige Ruhe finden.”
Und seinen Abscheu vor der “Welt” hat der 20jährige König einige Tage vorher in einem anderen Brief so geäußert:
“Ach, wie wichtig ist die Welt! - Wie elend, wie gemein so viele Menschen! Ihr Leben dreht sich im engen Kreise der flachen Alltäglichkeit. - Ach, hätte ich die Welt hinter mir!”
Der Empfänger dieser beiden Briefe ist Richard Wagner, den der König im Mai 1864 nach München berufen hat.
Nachfolgend sind Bilder vom Schloß Berg am Starnberger See mit Schloßpark und die Roseninsel mit dem Casino zu sehen; hier auf der Roseninsel traf sich Ludwig des öfteren mit der Kaiserin von Österreich (genannt: Sisi).

Der 6. Teil folgt in Kürze.


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