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Kolumne 33

Auf den Spuren des Märchenkönigs
2. Kapitel - Wirken des Königs, 2. und letzter Teil

Die Verdienste, die König Ludwig II. von Bayern sich durch die Errettung Richard Wagners aus dem ihm drohenden Untergang und die großzügige Unterstützung seines Werkes erwarb, sind wohl besonders hervorzuheben.
Die weitgehende Förderung Ludwigs II. beschränkte sich aber nicht nur auf das Werk Wagners und die Oper, sie erstreckte sich auch auf das Schauspiel und das Theater überhaupt, das infolge der Einwirkung des Königs in München eine künstlerische Höhe erlangte, die es niemals vorher besaß und später wieder verlieren sollte.
Der langjährige Intendant Freiherr von Perfall betont in seiner Geschichte der königlichen Theater Münchens von 1867 - 1892 wiederholt die belebende Einwirkung und immer hilfreiche Hand, die Ludwig II. ihm bot.
Zu der schönen Literatur stand Ludwig II. in engeren Gemütsbeziehungen, als die meisten Staatsoberhäpter seiner Zeit. Er begeisterte sich nicht nur für seine Lieblinge, nämlich Schiller, Grillparzer, Hebbel und die Klassiker aller Zeiten, sondern schenkte auch der Literatur des Tages seine Aufmerksamkeit. Er las ständig und kaum eine bedeutende zeitgenössische Erscheinung auf diesem Gebiete dürfte ihm entgangen sein.
Die Zeitungen las er teils selbst, teils ließ er sich daraus vorlesen. Er verfolgte beispielsweise mit größtem Interesse die Vorgänge des Konzils im Jahre 1870, und das regelmäßige Vorlesen der Lektüre hierüber in der Allgemeinen Zeitung dauerte mit den eingestreuten Besprechungen meist bis nach Mitternacht, auch noch länger, wenn der König an die politischen Fragen persönliche Bemerkungen knüpfte. Dann und wann verabschiedete sich der König beim Vorleser mit einem im Wintergarten gepflückten Veilchenstrauß oder mit einer reizenden Schmuck- beziehungsweise Nippsache.

Der bekannte Theaterwissenschafter, Buchautor und Ludwig II.-Kenner, Prof. Dr. Kurt Hommel, der jahrelang zu meinen engsten Freunden gehörte, erzählt in seinem längst vergriffenen Buch “Der Theaterkönig Ludwig II. von Bayern” sehr eindrucksvoll, in zuchtvoller und klarer Sprache von des Königs Liebe zu Büchern:
“Das Stilleben: Ludwig II. sitzt im reichgeschnitzten, vergoldeten Sessel, in dessen hohe Rückenlehne sein Monogramm, mit dem von Ludwig XIV. verschlungen, eingearbeitet ist; er sitzt unter einem grünen Samtbaldachin mit Goldstickerei, dessen Rückseite ein in farbiger Seidenstickerei ausgeführtes bayerisches Wappen dekoriert, das Futter des Baldachins ist angeblich der Hermelin des Königsmantels Ottos von Griechenland - und liest, liest, liest.
Und wenn Ludwig II. je glücklich gewesen sein sollte, dann in diesem Sessel - im Schlafzimmer seines Schlosses Neuschwanstein - unter diesem Baldachin, mit dem Buch.

So ernst und versunken und merkwürdig dieser König war, Lesen war eine seiner wenigen Lebensfreuden. Sogar während seiner Fahrten durch die Gebirgslandschaften mußte er des öfteren lesen.
Wieviel Leben, Wissen und Bildung hatte Ludwigs II. in sich, wie klug war er und wie - unheimlich! Seine Gesellschaft galt dem Buch, den zahllosen Büchern.
An der Weltliteratur nahm er lebhaften Anteil. Von seiner Vorliebe für das Buch wissen wir schon seit seiner Kindheit, trotzdem durfte er erst als Jüngling die deutschen Klassiker lesen, und sie wirkten einmalig auf den jugendlichen Monarchen - zeit seines Lebens. Allen Idealismus, übersprudelnden Drang und allen Geistesflug fand er bekanntlich am beglückendsten bei Schiller. Die Diskrepanz zwischen der erträumten und der wirklichen Welt beeinflußte ihn zu früh.
Ludwig II. las selbstverständlich auch Goethe und Lessing. Ob mit Wagner oder Kainz, von Perfall oder von Possart - es wurden gegenseitig Bücher sich empfohlen, getauscht, geschenkt. Er bevorzugte außerdem die Lektüre von Briefwechseln.
Mit großem Interesse las Ludwig II. Reisebeschreibungen, diejenigen über Oberitalien, Frankreich, Spanien und die Schweiz standen allen anderen voran. Diese bildeten die Anregungen zu den Reisen in die betreffenden Länder.
Besonders gut kannte sich der König in der französischen Literatur aus. Er hatte den ganzen Molière gelesen, wußte genau Bescheid über die Werke Corneilles, Racines, Victor Hugos und Dumas’. Er konnte nur Deutsch und Französisch, letzteres aber so gut, daß er die Originaltexte verstand. Im Laufe der Jahre nahmen ihn die Franzosen dermaßen ein, daß er sich die Memoiren und ähnliche Werke des 17. und 18. Jahrhunderts geradezu leidenschaftlich aneignete. Hier liegen wohl auch die Gründe, warum er Ludwig XIV. und Ludwig XV. zu seinen Vorbildern wählte, sie zu Göttern erhob, zu denen er betete. Und denen er seine Schlösser baute. Ein Schwärmer für den Hof von Versailles. Ludwig XIV. war sein ein und alles.
Über alles Gelesene hatte er - wie so oft - ein richtiges und gutes Urteil. Manchmal warf er auch ein Buch kurzerhand weg, weil er es unwahr oder uninteressant fand. Bezeichnenderweise las er nicht nur die zu lobenden Bücher, sondern auch jene, die man tadelte.
Seine Bautätigkeit, seine Wahl der dramatischen Stoffe für die Separatvorstellungen hingen schlechthin mit seiner Lektüre zusammen. Die enorm lebhafte und glänzende Phantasie des Königs suchte und strebte allenthalben nach Nahrung: Die Lektüre war die Hauptquelle.”
“Es war mir vergönnt”, so Prof. Hommel weiter, “die Bibliotheksausgaben der königlichen Kabinettskasse einzusehen. Allein während der Zeit der Separatvor- Stellungen (1872-1885) ergab sich da die Gesamtsumme von 97.307,61 Mark.”
Soweit einige Textstellen aus Kurt Hommels Buch: “Der Theaterkönig Ludwig II. von Bayern”.

In einem der vielen Gespräche stellte ich dem Theaterwissenschaftler und Buchautor Prof. Hommel unter anderem die Frage, wie eigentlich das Buch “Der Theaterkönig …” entstanden ist, wer oder was ihn zum Schreiben über Ludwig II. insperiert hat. Prof. Hommel äußerte sich dazu:
“Zur Entstehung des Theaterkönigs wäre zu sagen, daß es mich geradezu empört, was bis in die Gegenwart hinein mit der Persönlichkeit König Ludwigs II. vorgenommen wird. Letzten Endes der Geschäftemacherei natürlich wegen. Da wird vor übelsten Legenden und sonstigen Fälschungen nicht die geringste Rücksicht genommen. Man entstellt einfach nur der Geschäftemacherei wegen. Und so ist eine Revision und Erneuerung des Ludwig II.-Bildes längst fällig, ja überfällig. Legenden und Fälschungen in der Geschichte können ja durchaus langlebig sein. Und König Ludwig II. ist dafür ein typisches Beispiel, wenn nicht sogar ihr Opfer.
Was seine Verdienste um das Theater betrifft, rückt er wieder ganz nach vorn. Die Frage nach seiner Bedeutung für das Theater ist allenthalben zu klein gestellt worden. Es ist durchaus nicht zu hoch gegriffen, dem Theaterherzog Georg von Sachsen-Meiningen Ludwig II. von Bayern auch als Theaterkönig überzuordnen.”
Soweit Prof. Hommel.

Schon 1963 veröffentlichte Prof. Kurt Hommel sein theaterwissenschaftliches Werk: “Die Separatvorstellungen vor König Ludwig II. von Bayern”.
Meine Frage an Prof. Hommel: Wie ist eigentlich dieses Werk entstanden, wie lange haben Sie daran gearbeitet, Sie schrieben doch dieses Buch im alten Schloß auf der Herreninsel?
Dazu Prof. Hommel: “Die Entstehung des Buches über die Separatvorstellungen geht auf meine Dissertation ‘Das Schauspiel in den Separatvorstellungen vor König Ludwig II. von Bayern’ zurück, zu der Professor Artur Kutscher in München die Anregung gab. 1948 holte mich Hans Schweikart als Dramaturg an die Münchner Kammerspiele. Ein Jahr später erhielt ich einen Anruf, ob ich als Theaterexperte bereit sei, die Vorstellungen vor König Ludwig II. fachmännisch und wissenschaftlich zu erforschen.

Das Bayerische Kulturministerium würde mich dabei finanziell unterstützen, das Haus Wittelsbach wolle mir den Zugang zu den Archiven, Schlössern und so weiter erleichtern und die philosophische Fakultät der Universität München verleihe schließlich den Doktor.
Nach längeren Überlegungen entschloss ich mich zu dieser Arbeit doch. Besonders wertvolles Studienmaterial erhielt ich aus dem Hause Malyoth in der Münchner Mühlstraße. Frau Charlotte Malyoths Schwiegervater war nämlich in der Hofkanzlei Ludwigs II. tätig gewesen und hatte vor allem zahlreiches dramaturgisches Material gesammelt und eine Blattei angelegt, die eine einmalige Fundgrube für mein Vorhaben bedeutete.
Als ich dann um eine erste Audienz bei Kronprinz Rupprecht vom Hause Wittelsbach, der damals noch im Schloß Leutstetten bei Starnberg lebte, ersuchte, um mich vorzustellen, erfuhr ich ein erstaunliches Wohlwollen von dieser Seite. Mir wurde sogar angetragen, aus Gründen der Arbeitserleichterung und der damit verbundenen Arbeitsatmosphäre, das Zimmer im alten Schloß auf der Insel Herrenchiemsee zu bewohnen, das einst König Ludwig II. während des Baues des neuen Schlosses auf Herrenchiemsee besuchsweise oft benutzte.
So entstand ein großer Teil meiner Dissertation an dem Schreibtisch dieses Königs.
Ich habe damit begonnen, möglichst alles, was an Veröffentlichungen über Ludwig II. in der Welt erlangbar war, zu lesen. Also auch die französische, holländische, polnische, amerikanische Lektüre und zwei Jahre fast brauchte ich für die Ausarbeitung der Dissertation. Auch für die schwierige Beschaffung von Bildmaterial, von Briefen an Possart und Kainz und anderen Schauspielern, auch Sängern, Dokumente vom Hofintendanten Perfall und des Königs vier Dramaturgen seiner Separatvorstellungen.
Nach meiner Promotion wurde ich dann an die Universität Sydney berufen, wo ich fünf Jahre Theaterwissenschaft lehrte.
Nach meiner Rückkehr im Jahre 1960 arbeitete ich wieder an den Separatvorstellungen, indem ich mich mit der Oper und dem Ballett in den Separatvorstellungen beschäftigte, dann das Thema der Dissertation bezog sich ja nur auf das Schauspiel in den Separatvorstellungen. Das gesamte Werk lag schließlich zur Wiedereröffnung der bayerischen Staatsoper im Jahre 1963 vor.
Prinz Adalbert von Bayern, damals federführend für das Haus Wittelsbach, hatte das Geleitwort geschrieben.”
Auf die Frage, wie er die bisher erschienene Literatur über Ludwig II. beurteilt, antwortete Prof. Hommel: “Was die bisher erschienene Literatur über Ludwig II. betrifft, so ist der größte Teil zu subjektiv in der Darstellung König Ludwigs II. und seiner Welt. Also ist Vorsicht geboten. Bei genauem Studium läßt sich feststellen, wer von wem falsches wie richtiges übernommen hat. Nur ein Beispiel: Seit dem Erscheinen des Buches von dem Königlichen Intendanten Karl von Perfall spricht man von 208 Separatvorstellungen insgesamt. Und diese Zahl übernehmen alle Autoren, die über den König geschrieben haben. Auch so gewissenhafte Biographen wie Gottfried von Böhm oder Georg Jakob Wolf und Werner Richter. Bei genauer Überprüfung ergaben sich jedoch 209 Separatvorstellungen! Der Grund liegt einzig an der Perfall’schen Darstellung der beiden Separatvorstellungen am 7. und 8. November 1873.
Der größte Teil der Ludwig II.-Literatur ufert ins romanhafte und willkürliche aus. Vieles ist von einer Art Bilderbuch in der Darstellung, hat Klatschcharakter, ist sensationell geschäftlich bedingt, kleinkariert. Es mangelt an Ernst, Objektivität und Seriosität.”
Die weitere Frage an Prof. Hommel: ist der König als außergewöhnlich intelligent zu bezeichnen?
Prof. Hommel: “Was heißt hier intelligent, natürlich war er klug und sehr begabt. Seine Korrespondenzen beweisen es ebenso wie seine Kenntnisse bei den Bauten und seine Landschaftsentdeckungen. Doch überragten seine Ideen und Emotionen seine Verstandesfähigkeiten.”

Und zur Freundschaft Ludwig II. und Richard Wagner äußerte Prof. Hommel: “Die Freundschaft Ludwig II. und Richard Wagner begann am 4. Mai 1864. Das Schicksal eines 18jährigen und das eines 50jährigen wurde zusammengekettet. Hinsichtlich ihrer Pläne schrieb der König zwei Jahre später: ’der tag wird kommen, an welchem auch die Welt den tiefsten Sinn unseres unauslöschlichen Bundes erkennen wird’. Wie recht hatte er behalten.
Der König wollte München zu der Theaterstadt Deutschlands, zum musikalischen Mittelpunkt der Welt machen. Ganz allgemein, dieser empfindsame Idealist wünschte sich das Heranreifen einer schöneren Welt. Wagner konnte ihn verstehen. Doch ihm kam es in erster Linie auf sein Werk und dessen Durchsetzung an. Und da war Wagner egoistisch bis zum Frevelhaften. Die Freundschaft von König und Künstler mußte gefährlich werden, weil sie von gigantischen Plänen angetrieben wurde. Rein menschlich betrachtet, ist diese Freundschaft eine platonische zu nennen. Hinsichtlich des Gebens und Nehmens waren beide echte Freunde. Wagner überließ dem König seine Werke und der König finanzierte dafür Wagner, bezahlte auch seine Schulden. Daß Wagner dem König die geheime Liebe zu Cosima von Bülow zu lange verschwieg, das steht auf einem anderen Blatt.
Übrigens, hätte der junge König unmittelbar nach seiner Thronbesteigung Wagner nicht sofort nach München holen lassen, wäre letzterer, wie er ja selbst berichtet, zugrunde gegangen.
Über das Liebesverhältnis Cosima und Richard Wagner hat sich der König nie geäußert. Und wie ich die Cosima-Tagebücher beurteile? Sie sind der Wagner-Forschung außerordentlich nützlich. Hundertprozentig vollständig dürfen wir sie jedoch nicht nennen, denn Cosimas Tochter Eva hat gestrichen. Und ich kann mich des Eindrucks auch nicht erwehren, daß Cosima Wagner die Tagebücher mitunter um ihrer selbst willen geschrieben hat. Tagebücher kann man ja auch schreiben, um sich selbst zu rechtfertigen. Die Selbstanklage Cosimas gegenüber Hans von Bülow bildet da eines der Hauptthemen. Cosima gleicht irgendwie der Büßerin Kundry.
Betreffend der negativen Einstellung Wagners zum Judentum wandte sich Ludwig II. von Wagner nicht ab. Ich glaube, der König nahm da Wagner nicht allzu ernst oder nicht genug ernst. Noch am 11. Oktober 1881 schreibt Ludwig II. aus Schloß Berg an Wagner:
‘…Daß Sie, geliebter Freund, keinen Unterschied zwischen Christen und Juden bei der Aufführung ihres großen heiligen Werkes (Parsifal) machen, ist sehr gut, nichts ist widerlicher, unerquicklicher, als solche Streitigkeiten, die Menschen sind ja im Grunde doch alle Brüder trotz der confessionellen Unterschiede.’
Besonders enttäuschend für den König war die heimliche Liebesbeziehung Wagners zu Frau Cosima von Bülow und dann ihre Scheidung von ihrem Mann. Ludwig II. ist zwar an Wagner nicht zerbrochen, aber schwer von ihm verwundet worden.
Und zur angeblichen Geisteskrankheit des Königs möchte ich sagen, daß er nicht mehr und nicht weniger geisteskrank war, als wir es heute alle sind. Und was versteht man überhaupt unter geisteskrank. Viele Ärzte von heute finden doch die Schizophrenie als normal. Ludwig II. war außerdem nicht schizophren. Er hatte lediglich schizoide Merkmale. Daß er die Nacht zum Tage machte und den Tag zur Nacht, finden wir doch heute bei ‘zigtausenden von Menschen. Und warum sollte er nachts keine Schlittenfahrten unternehmen, da er nicht gesehen werden wollte? Er sprach oft laut und auch für sich in seinen Sälen. Nun, einsamen Menschen wird das heutzutage als Therapie empfohlen. Und was seine Separatvorstellungen betrifft, hatte nicht der Fürst von Ferrara auch seine Separatvorstellungen? War das gleiche nicht auch der Fall bei den für Friedrich den Großen komponierten über dreihundert Flötenkonzerten, die er abends zwischen fünf und sechs Uhr in Sanssouci veranstaltete?
Nein, der Legende von der Verrückheit, gemeint ist da Paranoia, gilt es energisch entgegenzutreten. Hatte er nicht unmittelbar vor seiner gewaltsamen Festnahme in Schwanstein noch selbst gesagt, gegen Entthronung hätte er nichts, nur für geisteskrank lasse er sich nicht erklären. Diese Notiz finden wir im Nachlaß von Minister Bürkel.
Und was den Tod Ludwigs II. betrifft, so glaube ich fest an die Forschungs-Ergebnisse des von mir hochgeschätzten Freundes und Ludwig II.-Forscher Peter Glowasz. Sein Ergebnis lautet: König Ludwig II. von Bayern ist einem gewaltsamen Tod zum Opfer gefallen, er wurde erschossen.”
Soweit die Ausführungen von Prof. Dr. Kurt Hommel.
Zum weiteren Wirken König Ludwig II. sei hervorzuheben, daß ihm besonders das Handwerk am Herzen lag. Er verzichtete bei der 700jährigen Wittelbacher Jubiläumsfeier auf alle Entfaltung äußeren Glanzes und wünschte vielmehr, daß ein Teil der dafür benötigten Mittel einer Landesstiftung zugeführt werde, die, von ihm durch reichen finanziellen Zuschuß vermehrt, unter dem Namen Wittelsbacher Stiftung in der Hebung des Handwerks in Stadt und Land ihren Zweck und ihre Aufgaben finden und jährlich Stipendien verteilen sollte.
Zum gleichen Anlaß haben der König und sein Bruder Otto eine Wittelsbacher Stiftung für Wissenschaft und Kunst mit einem Stammkapital von 650.000 Mark gegründet.
Zum 400jährigen Stiftungsfest der Münchener Universität spendete Ludwig II. einen Fonds von 10.000 Gulden, aus dem für “den besten Studierenden der Geschichte” Stipendien vergeben wurden.
Die Volkstrachtenvereine zur Wahrung bayerischen Brauchtums verdanken dem König Gründung und Förderung.
Heute lassen sich weit über 100.000 Mitglieder in annähernd 1.000 Vereinen nachweisen.
Im Jahre 1865 richtete Ludwig II. den ersten deutschen Lehrstuhl für Hygiene ein, und zwar für Max von Pettenkofer. Er war 1864 Rektor an der Universität München.
Für die Technische Hochschule und die Akademie der Künste wurden komfortable Heimstätten errichtet. Die Gründungsurkunde der Technischen Hochschule ist von Ludwig II. am 12. April 1868 unterzeichnet worden.
Noch heute trägt übrigens der Präsident der Technischen Universität das Bildnis des Königs im Medaillon der Amtskette.
Was wenige wissen: Ludwig II. war technischen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossen. So beispielsweise gehörte sein Interesse der frühen Photographie. Der König war sehr erfinderisch, er erfand sogar einen verbesserten Plattenentwickler. Bedauerlicherweise sind jedoch seine eigenen photographischen Werke nie an die Öffentlichkeit gelangt.
Nur der langjährigen und intensiven Forschungsarbeit des Schulrates Günther Sagasser aus Schongau ist es eigentlich zu verdanken, daß Ludwig-Forscher von heute von der photographischen Arbeit des Königs wissen.
Winfried Ranke erzählt: “Im Umgang mit dem Medium Photographie war Ludwig erfahrener und unbekümmerter als sein Vater. Hier machte sich einfach die von früher Jugend an entwickelte Vertrautheit mit Photographien und ihren technischen Errungenschaften bemerkbar. Mit welcher Selbstverständlichkeit sich beispielsweise der 16jährige Prinz auf Hohenschwangau als Petrijünger porträtieren ließ, ist wohl schon bemerkenswert; daß sich die vertraute Benutzung der Photographie jedoch nicht nur auf die Dienste des bekannten und geschätzten Albert beschränkte, beweist ein Brief vom 19. Januar 1864. Darin heißt es: ‘Ich ließ nach Berchtesgaden schreiben, wo ich dieses Jahr in der Ramsau einen jungen Mann, welcher in einer Sägemühle arbeitete, sah, welcher uns allen durch seine Schönheit und seine Heldengestalt auffiel; diesen werde ich von Walch in Berchtesgaden photographieren lassen und darnach hier als Lohengrin malen lassen.’
Bei soviel Kenntnis von den Herstellungs- und Verwendungsmöglichkeiten der Photographie ist auch anzunehmen, daß bei dem jungen König ein Bewußtsein ihrer öffentlichen Wirkung vorhanden war. Die Belege über Bestellung und Versendung offizieller Porträts bestätigen dies. Schon im März 1864 berichten die Zeitungen von zwei bei Albert erschienenen Bildnissen des neuen Königs. Im gleichen Jahr mußte der Hofphotograph zahlreiche Porträts in allen Formaten liefern, darunter 8 lebensgroße, die im Goldrahmen oder ‘im Porträtrahmen in braunem Saffian mit Krone und Chiffre’ verschenkt wurden.
Adressaten dieser Geschenke waren u.a.: Prinz Adalbert von Bayern, König Otto von Griechenland, Prinz Otto, Hofrat von Pfistermeister oder Ministerialassessor Lutz. Die Bildnisse waren in Größe und Aufmachung entsprechend dem Rang des Beschenkten verschieden. Jedoch konnten auch kleinformatige Porträts im elfenbeingeschnitzten Standrahmen äußerst prachtvoll präsentiert werden. Die dafür aufgewendeten Summen waren allerdings erheblich. Als Geschenke spielten Photographien für Ludwig II. überhaupt eine große Rolle. In den Kassenbüchern taucht der Posten ‘Photographien zu Weihnachtsgeschenken’ häufig auf. Bildnisse von sich überreichen zu lassen oder die von anderen entgegenzunehmen, galt dem König als großer Gunst- oder Freundschafts- erweis. Als Hofschauspieler Ernst Possart 1870 sein Ruhmgedicht auf die bayerisch-preußische Waffenbrüderschaft aufgesagt hatte, übersandte ihm der König am andern Morgen sein lebensgroßes Brustbild. An Richard Wagner ging 1864 ein Porträt mit folgenden Begleitworten: ’Hier sende ich meinem teuren Freunde eine gemalte Photographie von mir, welche, wie ich glaube und höre, das gelungenste Bildnis ist, welches von mir besteht. Ich sende es Ihnen, weil ich der festen Überzeugung bin, daß Sie mich am meisten lieben von allen Menschen, welche mich kennen, ich glaube mich hierin nicht zu irren.’
Seinem Vetter, Prinz Ludwig Ferdinand, schrieb der König 1883: ’Solltest Du einmal Zeit und Lust haben, Dich mit Deiner Gemahlin hier photographieren zu lassen, so würdest Du mich durch Übersendung Eurer Bilder sehr erfreuen.’
Doch nicht nur zur Freundschaftsgabe oder persönlichen Gunstbezeugung wurden Porträtphotos gebraucht, sie fanden auch als hochoffizielle Fürstengeschenke Verwendung. 1873 wurden 42 lebensgroße Porträts des Königs den Offiziers- Speiseanstalten des bayerischen Heeres zugewiesen. An ausländische Regimenter, deren Ehreninhaber Ludwig II. war, ließ er kostspielige Einzelanfertigungen versenden: nach Rußland ging 1865/66 ein von Horschelt nach einer Photographie gemaltes Bildnis des Königs in russischer Uniform; ein preußisches Husarenregiment erhielt ein ’lebensgroßes Oelbild, Porträt S. Majestät des Königs in preußischer Uniform (Kniestück)’ - mit Rahmen für 572 fl.
Der Bedarf an Porträts war enorm, und Ludwig II. ließ sich - bis in die achtziger Jahre hinein - entsprechend oft von Albert photographieren. Auch unvorteilhafte Veränderungen der einst jugendlich schlanken Erscheinung hielten ihn nicht davon ab, vor die Kamera zu treten. Im Katalog der ’Vereinigten Kunstanstalten’ von 1902 wurden noch 73 Photographien von Kronprinz und König Ludwig II. angeboten. Seiner dann später zunehmenden Menschenscheu entsprach keineswegs eine sich verstärkende Kamerascheu. Eher scheint es, als habe der König seinen Herrschaftsanspruch ’in effigie’ mittels ständiger Verbreitung von Porträtphotographien aufrechterhalten und immer wieder bekräftigen wollen.”
Soweit die interessanten Ausführungen von Winfried Ranke.
Man kann wohl sagen, daß in der Lebensgeschichte von Ludwig II. vieles von Bildern ausgelöst oder beeinflußt wurde.
Übrigens, alle technischen Erfindungen und Neuerungen dieser Zeit wurden grundsätzlich Ludwig II. vorgeführt. Sofern sie friedlichen Zwecken dienten, konnte man seiner Förderung stets gewiß sein.
Ludwig II., der ja zeitweilig in Schloß Berg am Starnberger See residierte, wollte beispielsweise einmal in Starnberg sein Schiff “Tristan” besteigen. Auf dem Schiff eröffnete man dem König, daß man für ihn jetzt einen Versuch vorbereitet hätte. Der ehemalige Artillerie-Unteroffizier Wilhelm Bauer aus Ingolstadt, der dann übrigens auch später als Erfinder des U-Bootes in die Geschichte einging, sollte einen Schuß auf eine Panzerplatte unterhalb der Wasseroberfläche abgeben.
Ludwig II. hielt jedoch nichts von so einer Demonstration, wandte sich ab und fuhr eiligst mit seinem Dampfboot “Tristan” davon.
Für solche Experimente konnte man den König nicht gewinnen, denn sie galten letzten Endes der Zerstörung von Menschenleben, gleich welcher Nationalität.

In vielen überlieferten Berichten wird immer darauf hingewiesen, daß der König sich besonders für die Hebung des Lebensstandards der unteren Volksschichten einsetzte. So erhöhte er sofort bei seinem Regierungsantritt die Besoldung aller seiner Hofbediensteten. Den damals schlecht bezahlten Volksschullehrern ließ er sogar aus eigener Tasche eine Weihnachtsgratifikation auszahlen.
Auch haben sehr viele Menschen durch verschiedenartige Dienste bei den Schlösserbauten und den entsprechenden Straßen- und Wasserleitungsbauarbeiten ihr Brot verdienen können.
Seinem Bestreben zur Herbeiführung von humanen und sozialen Verhältnissen wurden jedoch immer wieder der Riegel vorgeschoben. So konnte er beispielsweise einem Hilfeersuchen von Augsburger Textilarbeitern um bessere Lohn- und Arbeitsbe- Dingungen nicht nachkommen, weil die Minister dem König einreden wollten, daß es sich hierbei nur um unberechtigte Wünsche von “unbotmäßigen revolutionären Störenfrieden” handeln würde.
Trotz mancher solcher Verhinderungsversuche ließ sich natürlich Ludwig II. nicht von seinem sozialen Engagement abhalten. So gab er dem St.-Georg-Ritter-Orden im Jahre 1871 eine neue Bestimmung, die zusätzlich die Ausübung karitativer Werke vorschrieb.
Der König war auch Protektor humanitärer Einrichtungen wie des Bayerischen Roten Kreuzes, von Anstalten für Massenspeisungen von Bedürftigen, von Krankenunter- stützungsvereinen, dem Tierschutzverein München und ähnlichen Institutionen. Diese Einrichtungen unterstützte der König mit eigenen Mitteln. Seine Mutter, Königin Marie, stand ihm dabei tatkräftig zur Seite.
Alle diese Wohltaten machten König Ludwig II. bei seinen Bayern beliebt und verhalfen ihm dann auch zu der Bezeichnung “Volkskönig”.
Es muß wohl noch einmal hervorgehoben werden: Das Pensum, das ihm als Landesvater und “Staatschef” auferlegt war, erfüllte er stets äußerst gewissenhaft - gleichgültig, ob Ludwig II. nun in München oder in einem seiner auswärtigen Wohnsitze weilte. Fast täglich wurden ihm die Regierungsvorlagen der sechs Minister und das Material seiner Kanzleien zugestellt. Sofern er nicht in der Residenz war, wurden sie immer schnellstens von Kurieren an seinen jeweiligen Aufenthaltsort gebracht. Der König arbeitete alles genauestens durch und sandte die unterschriebene Post durch die Kuriere wieder in die Landeshauptstadt zurück. Sein umfangreiches Tagespensum ließ ihm nicht immer Zeit zu Spaziergängen, Ausritten und Ausfahrten.
Ludwig II. führte eine umfangreiche Korrespondenz mit Freunden, Künstlern, Gelehrten und Diplomaten, nicht zuletzt auch mit Angehörigen der regierenden Häuser Europas.

Die nachstehende erste Fotografie zeigt Peter Glowasz im Gespräch mit dem Theaterwissenschaftler und Buchautor Prof. Dr. Kurt Hommel, der bis zu seinem Tode am 13. Dezember 1999 in Berlin-Grunewald lebte; er wurde 91 Jahre alt.
Bei den vielen Gesprächen an Tee-Nachmittagen ist eine Vielzahl von Ton- Aufzeichnungen entstanden, sodaß man mit diesem Material ganze Hörbücher hätte produzieren können. Unvergeßlich bleiben für mich die folgenden Worte, die Prof. Hommel, schon vom Tod gezeichnet, zu mir sprach: “Meinen Respekt, Herr Glowasz für Ihre erstaunliche Ludwig II.-Arbeit, Glück und und Erfolg wünsche ich Ihnen für Ihr weiteres Schaffen - vor allem hinsichtlich der Aufklärung der Todesursache. Die Zeit nämlich erwartet unseren Widerspruch.”
Seine beiden Bücher, ebenfalls mit Widmungen versehen, haben in meiner Wohnung einen ganz besonderen Platz.

Die zweite Fotografie zeigt Peter Glowasz während eines Interviews mit dem Arzt Dr. Franz Zech aus Grassau in Oberbayern. Dr. Zech war der 2. Vorsitzende der “Vereinigung der Freunde von Herrenchiemsee”. Dr. Zech erzählte: “Das von Millionen Menschen besuchte Gedenk-Kreuz im Starnberger See wurde nach dem ersten Weltkrieg errichtet.

Es stand dann im See viele Jahre und Jahrzehnte, fing dann aber an zu modern und mußte im Jahre 1961 anlässlich des 75. Todestages Ludwigs II. ausgewechselt werden. Es wurde ersetzt durch ein Kreuz aus kanadischem Teakholz. Das alte Kreuz bekam ich dann als Geschenk von der Vereinigung “König Ludwig Deine Treuen”. Ich habe dann das alte Kreuz auf unserem Grassauer König-Ludwig-Denkmal aufstellen lassen. Ich hatte auch immer die Ehre am Gedenktag des tragischen Todes von Ludwig II. (13. Juni) die Gedenkrede vor der Votivkapelle in Berg am Starnberger See zu halten, zu der auch die heimattreuen Verbände und sehr viele Gäste aus der Umgebung und aus München erschienen sind.”
Dr. Franz Zech wurde 1984 die Ehrenbürgerschaft des Ortes Grassau verliehen; er starb 81jährig im Jahre 1995. In Grassau fand er seine letzte Ruhe


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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