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Kolumne 34

Der "Escapismus" der Königskinder:
König Ludwig II. von Bayern - Kaiserin Elisabeth von Österreich
Ludwigs und Elisabeths Weltflucht und Menschenscheu
von
Erika Brunner


König Ludwig II. von Bayern: “Jede Berührung mit der Welt verletzt mich.” - “Gesellschaft ist mir entsetzlich und ich halte mich ihr fern.” - “Wer sich behaupten will, muß rau, rücksichtslos und unempfindlich sein.”
Kaiserin Elisabeth von Österreich: “Ich will weiter nichts von den Menschen, als daß sie mich in Ruhe lassen …” - “Den Frieden kann man doch nur fern von der Welt, fern von den Menschen erringen.” - “Das sind meine langen Einsamkeiten, aus denen ich erkenne, daß man die Schwere seiner Existenz am meisten fühlt, wenn man im Kontakt mit den Menschen steht.”

Wie ist es zu verstehen, dass der Kontakt mit Menschen ausschließlich als Bedrohung und nicht auch als Bereicherung empfunden wird? Warum vermochten Ludwig und Elisabeth daraus keinen Gewinn zu ziehen?
Ein schmerzliches Rätsel für den, der sich nicht mit gängigen psychoanalytischen Erklärungen zufrieden gibt oder beide kurzerhand als verrückt oder aristokratisch arrogant einstuft.
Jeder geistig hochstehende und kreative Mensch braucht Abgrenzung, Einsamkeit, namentlich der Meditation, Philosophie, Metaphysik oder der schöpferischen Welt- vergessenheit, aber er braucht auch wieder Anregung und Austausch mit anderen, menschliche Nähe und Vertrautheit.
Das Letztere war Ludwig und Elisabeth im Alltag versagt.
Ihre Menschenfurcht, die so manchen heutigen Zeitgenossen pathologisch anmutet, ist ein Phänomen, zu dem man im Jahre 2010 so schwer Zugang findet, weil die liberale Gesellschaft über gänzlich andere Strukturen verfügt als die des 19. Jahrhunderts.
Es entspricht dem Selbstverständnis des heutigen Menschen, kein Mitläufer der von Ludwig verachteten “Majorität” zu sein, kein Massenmensch. Jeder beansprucht, seine Individualität auszuleben, nur am Strafgesetz findet sie noch ihre Grenze. Gleich- geschlechtliche Beziehungen sind “in”, weil man durch sie einer interessanten Minderheit angehört. In Talkshows dürfen die gegensätzlichen Meinungen vertreten werden, ohne dass der, der sich “ortet” Konsequenzen befürchten muß.
Wir sehen heute genau das andere Extrem des königlich-kaiserlichen Fluchtverhaltens in den Doku-Soaps, wo Menschen freiwillig auf jegliche Intimsphäre verzichten und sich zu Schau-Objekten der Öffentlichkeit machen, einer Öffentlichkeit, die auf dem Bildschirm ihresgleichen sehen will und, anscheinend selbst ausgebrannt, nach authentischen Gefühlen und Leidenschaften anderer hungert.
Die Doku-Stars, von Geldgier und Geltungsbedürfnis getrieben, sind zu dieser Selbstdarstellung nur fähig, weil sie wissen, dass ihre Schwäche, sogar ihre blamable Unbildung, sofort zum Güte- und Markenzeichen aller Gleichgesinnten wird.
Die Unterhaltungsindustrie, von Jahr zu Jahr immer niveauloser, schickt immer schrillere Typen zu Schlagerwettbewerben, und die schrägsten, unmöglichsten Vögel - Originalität um jeden Preis! - werden für das erregte Medieninteresse mit den dicksten Honoraren belohnt. Eine Welt bzw. eine Gesellschaft der Verkommenheit!
Bis tief ins 20. Jahrhundert hinein aber wurde die Abweichung von der Norm - nicht nur im Denken, sondern vor allem auch im Empfinden und Bedürfen - gesellschaftlich geächtet und bestraft. Infolgedessen verschlossen die Menschen ihre wahres Selbst hinter der Maske der Anpassung.
Nicht nur Ludwig und Elisabeth hatten Grund, die Menschen zu fürchten, während die Angst voreinander sich heute auf Kriminalität, Krieg und gesellschaftliche Um- Wälzungen beschränkt. Hinzu kommt die besondere Situation der Prominenten.
Elisabeth sagte einmal zu einer Vertrauten: “Ich möchte niemand schaden, nur tut es sehr weh, wenn man niemand etwas tut, das Stichblatt der Bosheit zu sein, wie ich es immer war … ich ziehe mich von den Menschen zurück, ihnen kann es ja nur angenehm sein, sie haben mich nicht gern, und mir ist es bequemer.”
Überliefert sind auch folgende Worte der Kaiserin Elisabeth: “Meiden Sie das Geschwätz der Welt. Nichts ist wichtiger meiner Meinung nach, als dem Klatsch aus dem Wege zu gehen. Alle sollten sich davor fürchten, denn es gibt nur sehr wenige Menschen, die, wenn sie Böses über einen anderen erzählt bekommen, genügend überlegen, ob es zutrifft oder nicht.
Sie erzählen es weiter, ob sie daran glauben oder nicht. Es gehört zur menschlichen Natur, Vergnügen an dem zu finden, was böse ist. Nur selten ist jemand traurig, wenn er hört, daß sein Nachbar angeschwärzt wird.”

König und Kaiserin erlebten sich in starre Rollen gepresst, während zugleich unerträgliche öffentliche Kontrolle darüber wachte, ob sie den Erwartungen gerecht wurden, und die Neugier - genau wie heute - darauf lauerte, in der Intimsphäre menschlich Vertrautes - und am liebsten Versagen - zu entdecken.
Monarchen wurden fast so argwöhnisch und sensationslüstern beobachtet und zugleich verehrt wie heute Soap-Doku-Stars.
Friedrich II. erbaute sich die Fluchtburg in Sanssouci, Marie Antoinette das Petit Trianon, dessen Bau einen Sturm der Entrüstung auslöste: zu prunkvoll, zu teuer wie Ludwigs Traumschlösser?
Weit gefehlt: in Größe und Ausstattung kein Schloß, sondern die Villa einer besitzbürgerlichen Dame.
Das Ärgernis lag in der Kleinheit und Enge: dort erlaubte sich die Königin, mit wenigen Vertrauten allein zu sein und schloß den Hof aus - ein gesellschaftliches “Verbrechen” wie Ludwigs Separatvorstellungen!
Der “Hof”: das war die Großfamilie im weitesten Sinn, die ganze Sippe mit alten Tanten beiderlei Geschlechts und unverarbeiteten Kindheitsverletzungen - die nächsten Ver- wandten waren meist die gefährlichsten. Wer nicht zur Königssippe gehörte, mußte seine Hoffähigkeit durch besondere Verdienste, edle Abkunft und Beziehungen unter Beweis stellen.
Alle Beteiligten litten unter der Etikette, die freie Gefühlsäußerungen unterdrückte und es den Königen unmöglich machte, echte und geheuchelte Ergebenheitsbezeugungen zu unterscheiden.
Nur bei Künstlern kam es zu emotionaler Offenheit, aber es lag in der Natur der Dinge, dass die Königsfreundschaften der Künstler “eine wahre Marterkrone” (Wagner) wurden, da sie die Künstler der ihnen wesensfremden Hofetikette unterwarfen und der neidvollen Kontrolle Dritter aussetzten.
Sicher waren Ludwigs und Elisabeths Einschätzung ihrer Mitmenschen in der Verallgemeinerung falsch, nicht alle waren langweilig oder undurchsichtig, aber viele wirkten so, weil sie sich authentische Gefühle nicht erlauben durften und nur vorgeschriebene Unterwürfigkeit an den Tag legten.
Rechnet man dazu noch verletzende Kritik durch Familie, Ministerialbeamte und Presse - stets in honigsüßer verschnörkelter Kabinettssprache und stets mit ermüdetem Gebrauch der Pflichtkeule - so wird die Verweigerung der beiden Romantiker nach- vollziehbar.
Selbstvertrauen und furchtlosen Umgang mit Menschen lernt nur, wer sich in seinem Wertbewußtsein und seinen Bedürfnissen anerkannt fühlt.
Wir Heutigen dürfen dankbar sein für eine offene und tolerante Gesellschaft, die bereit ist, zu verstehen, ehe sie zu verändern sucht. Der Konflikt des Einzelnen mit der Welt wird sich jedoch immer wieder ergeben, umso tragischer, je deutlicher das Wert- bewußtsein eines Individuums von dem des Kollektivs abweicht und diesem mög- licherweise überlegen ist.
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Dem Bestseller von Erika Brunner: “Der tragische König” ist viel Wissenswertes über Leben und Tod König Ludwigs II. von Bayern zu entnehmen.


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