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Kolumne 36

Die metaphysische Tragik
König Ludwigs II. von Bayern
Anmerkungen
von
Erika Brunner

Die allgemein bekanntgewordene Unzufriedenheit König Ludwigs II. von Bayern mit sich und anderen Menschen, die stets neuen qualvollen Enttäuschungerlebnisse, der Gefühlsüberschwang, dem bald gänzlicher Abbruch einer Beziehung folgte, sind - wie ich auf der Hörbuch-CD geschildert habe - pathologisiert worden.
Für die Gegner und Kritiker des Königs waren und sind sie eindeutige Belege des Wahnsinns, verrückte, nicht nachvollziehbare Gefühlsschwankungen - für Ludwig II. geneigte Psychologen, die differenzierter urteilen, “narzistische Störungen”.
Ich kann den letzteren nicht widersprechen; in der Forschung fanden diese Psychologen jedoch wenig Beachtung.
Es sei zugestanden: normalerweise sind menschliche Enttäuschungen kein Grund, sich von der Welt zunehmend zurückzuziehen. Ein durchaus königstreuer Zeitgenosse fragte kritisch, wer denn nicht im Alter zwischen 20 und 30 Jahren - also der Adolezenz - Enttäuschungen erlitten habe, und erwähnt Ludwigs Entlobung sowie seine Niederlagen im politischen Bereich in Andeutungen. Der so urteilte, ließ die anderen seelischen Belastungen Ludwigs unberücksichtigt. Er wusste nicht, was es bedeutet, in einer Zeit, die ganz und gar vom Vererbungsglauben bestimmt war und persönliche Schädigungen ausschließlich aus den Genen herleitete, der Bruder eines sogenannten unheilbaren Geisteskranken zu sein, und natürlich konnte der Zeitzeuge, in Unkenntnis der unveröffentlichen Tagebücher, nichts von der sexuellen Problematik wissen, die allein schon ausgereicht hätte, einen Menschen der damaligen Zeit seelisch krank zu machen.
Zu all diesen Belastungen kommt nun noch eine andere, meist wenig beachtete: Ludwig, ein nach Erziehung, Anlage und innerstem Wesen tiefreligiöser und dazu hoch- intelligenter Mensch wurde in die Zeit des philosophischen Atheismus hineingeboren. In seiner überaus kurzen Studentenzeit las er Strauß und Feuerbach; wie aus einem Brief hervorgeht, bestärkte ihn der von ihm hochgeschätzte Kronprinz Rudolf von Österreich in seinen Glaubenszweifeln, und noch in der letzten Nacht in Neuschwanstein, als sich sein Schicksal erfüllte, sagte er zu Alfons Weber, er habe sich mit dem philosophischen Materialismus gründlich auseinandergesetzt, dessen Menschenbild aber bleibe zutiefst unbefriedigend, und er stellte die Gottesfrage, die immer auch Sinnfrage ist: “Ich glaube an die Unsterblichkeit der Seele und die Gerechtigkeit Gottes.”
Nicht nur Ludwig, auch den sensiblen und geistig hochstehenden Zeitgenossen konnte die Antwort des Materialismus nicht genügen. Sie waren so wenig wie er, dem einer der Gesandten dies später vorwarf, Atheisten, doch ihren Gottesglauben hatte der Zeitgeist erschüttert. Selbst die heilige Therese von Lisieux hatte diese “dunkle Nacht der Seele” zu ertragen. Um leben zu können in einer Welt ohne Gott, verlegten die metaphysisch Hungernden und Dürstenden seit der Aufklärung das Göttliche ins Menschliche. Goethes Werke legen davon Zeugnis ab.
Wer in der nachromantischen Epoche sich nicht geistig-seelisch genügsam auf technischen Fortschritt beschränkte und darin das Heil der Menschheit suchte, verlegte das verlorene Paradies in den Partner, die Bezugsperson - vor allem die Dichter und Künstler. Und von diesem Partner erwarteten sie die unbegrenzte, allmächtige, vorbehaltlose Liebe, Annahme, Verständnis, jene unverlierbare Heimat, die einmal Gott dem Menschen gewesen war.
“Wer je gelebt in Liebesarmen, der kann im Leben nie verarmen”, schrieb der ungläubige Dichter Theodor Storm. Ihm wird die erfüllte Beziehung zum Lebenssinn, der den ewigen Tod erträglich macht.
Wagners “Tristan und Isolde” werden einander zum Absoluten, Göttlichen, dem was, wie Tillich sagt, uns unbedingt angeht.
Die Liebe zwischen Menschen wird hier zur Religion - und damit zur vollendeten Symbiose und verknüpft mit einem ungeheuren Anspruch.
Tristan und Isolde wird die Dichtergnade gemeinsamen frühen Liebestodes, doch in der Realität kann keine Beziehung auf Dauer in dieser Intensität und Ungetrübtheit bestehen, wenn sie nicht ihren religiösen Rückbezug hat zur vergebungsfähigen Liebe Gottes (1. Korintherbrief, 13 Kapitel), die der Mensch immer nur partiell verwirklichen kann.
Wenn Ludwig II. sich immer wieder glühend begeisterte für Menschen, um dann tief enttäuscht die Beziehung zu beenden, wenn er verzweifelte am selbstgesetzten Anspruch, asketisch das zölibatäre Priesterkönigtum durchzuhalten, so dachte und empfand er als Künstlernatur des 19. Jahrhunderts.
Dem Bürger des 19. Jahrhunderts, sei es der materialistische Ministerpräsident Freiherr von Lutz oder seien es die streng naturwissenschaftlichen Irrenärzte, die ich nicht Psychiater nennen möchte, da sie sich als Gehirnanatomen verstanden und von der menschlichen Seele nicht mehr wussten als andere, waren Gefühle in solcher Intensität nicht zugänglich. Doch das Leiden an der vorfindlichen Welt, das Sich-Nicht-Abfinden-Können mit dem von den anderen leichthin erbrachten Verzicht auf jegliche Spiritualität teilte Ludwig mit Wagner und den größten Geistern seines Jahrhunderts. Bei ihm ist das rastlose, sehnsüchtige Suchen nach der vollkommenen Liebe nur besonders stark ausgeprägt. Es ist letztlich Gottsuche, und darum kann kein Mensch diesen Anspruch erfüllen.
Cosima gab Wagner Halt durch ihre unbedingte Treue und Hingabe, doch Wagners bis in den Tod währende metaphysische Unruhe vermochte auch sie ihm nicht zu nehmen.
Und Ludwig II. stürzte so tief, weil er so hoch dachte - von sich und anderen.
Auch als religiöser Mensch war Ludwig II. einsam in einer irr-religiösen Zeit, da er, anders als der ultramontane praktizierende Katholik, sich den intellektuellen Argu- menten des Atheismus nicht verschließen konnte und anders als der anspruchlose Materialist, Sinn nicht im Vorfindlichen und Vorläufigen zu finden vermochte.
Ludwig II. war innerlich zerrissen von Glaube und Zweifel. Von einer Kirche, die auf die Herausforderung der Zeit mit rigidem Machtanspruch, Ritus und Moralgesetz antwortete, war keine Hilfe zu erwarten, doch Ludwigs religiöse Grundprägung bricht immer wieder durch - trotz intellektueller Zweifel und absolutistischer Hybris.
Die vielen Zeugnisse, die davon sprechen, lassen ahnen und hoffen, dass sein schweres Schicksal ihn letztendlich zum Glauben zurückführte.
Wenn einer der Minister unter dem Eindruck der tendenziösen Persönlichkeits- Beurteilung im Landtag das Urteil fällte: “Er lebte wie ein Ungeheuer und starb wie ein Ungeheuer!”, so verstieß dieser Minister nicht nur gegen das Gebot der Bergpredigt, das solche Urteile über den Nächsten eindeutig verwirft; dieser Herr hätte sich auch fragen müssen, ob Ludwig II. den angeblichen Tod eines “Ungeheuers” auch dann gestorben wäre, wenn man an dem Pfingstsonntag des Jahres 1886 ihm die Teilnahme am Gottesdienst, um die er bat, nicht verweigert hätte.
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Mehr von Erika Brunner sind dem spannenden Hörbuch “Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs”, 3. Teil - und dem Buch “Der tragische König” zu entnehmen.


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