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Kolumne 37

Der frankophile Friedenskönig Ludwig II. von Bayern
Erinerungen an einen großen Freund Frankreichs
Gedanken von Peter Glowasz

Viele werden sich noch erinnern: Am 22. Januar 2003 jährte sich zum 40. Mal der Tag der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages durch Staats- präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer.
Und anlässlich des 40. Jahrestages der Elysée-Verträge und des Treffens des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Festakt im Schloß Versailles und der darauffolgenden Eröffnung der französischen Botschaft am Pariser Platz in Berlin - ganz nahe am Brandenburger Tor, die die deutsch-französischen Beziehungen festigten, sei an einen deutschen Fürsten erinnert, der bereits auf dem Höhepunkt der deutsch-französischen “Erbfeindschaft” im 19. Jahrhundert erheblich moderner dachte als seine Zeitgenossen und sich über die heutige Freundschaft beider Völker besonders gefreut hätte.
Da 1870 der “Bündnisfall” gegeben war, mußte zwar auch das Bundesland Bayern in den Krieg eintreten, obgleich es seit der Zeit Napoleons traditionell gute Beziehungen zu Frankreich unterhielt, doch sein König verfolgte überaus kritisch das Kriegsgeschehen und schrieb im Januar 1871, als die Schlacht von Sedan bereits die Entscheidung gebracht hatte, an eine ehemalige Hofdame seiner Mutter: “Es ist ein wahrer Frevel von Seite der preußischen Machthaber, den Krieg so lange fortzuführen und eine Nation bis in ihren innersten Lebensnerv zu erdrücken zu suchen … der Grund, daß Deutschland gezwungen ist, seine bedrohten Grenzen gegen den Feind zu verteidigen, ist längst nicht mehr stichhaltig.”
Und am 24. März 1871 ließ er seine Vertraute und Erzieherin wissen: “Ach, es sind traurige, entsetzensvolle Zeiten, die wir zu durchleben haben, in meiner kurzen Re- gierungsepoche nun schon 2 unselige Kriege! Sehr hart für einen Fürsten, der den Frieden liebt!”
Der Kaiserproklamation in Versailles blieb Ludwig II. fern, welch verlockende Töne Bismarck auch anschlagen mochte.
“Versailles, das Kanaan seiner Königsträume, wurde zum Golgatha seiner Königs- wirklichkeit”, schrieb der Biograph Franz Herre.
Nur unter unausweichlichem Druck hatte Ludwig II. sich überwunden, dem preu- ßischen König die Kaiserkrone anzubieten. Seine Selbstzeugnisse und die Äußerungen von Ministern, Diplomaten und der königlichen Umgebung über seine damaligen Depressionen widerlegen die zwar häufig wiederholte, aber bisher unbewiesene historische Arbeitshypothese, die aus Preußen der Kabinettskasse zugeflossenen Gelder stünden in ursächlichem Zusammenhang mit dem “Kaiserbrief”.
Der 1871 noch keineswegs hoffnungslos verschuldete König machte nie einen Hehl aus seinem Widerwillen gegen die ihm aufgezwungene politische Entwicklung. Eine Weigerung Bayerns hätte den Gang der Ereignisse nicht verändert, dem Lande aber eine Demütigung vor der Öffentlichkeit eingebracht, die nicht geringer gewesen wäre als die in Versailles Frankreich zugefügte.
Wenn Ludwig II. aber auch als König dem Staatsakt in Versailles nicht zu verhindern vermochte, so blieb er ihm doch fern und weigerte sich als Mensch konsequent, die frankreichfeindliche Stimmung des neuen deutschen Reiches zu teilen.
Als erster deutscher Fürt unternahm er nach dem Krieg eine Reise nach Paris, obgleich sein Ministerium darauf mit Rücktritt drohte, besichtigte Fontainebleau, das Napoleon- grab, den Louvre und Versailles, wo er die dortigen Schloßführer durch historische und künstlerische Sachkenntnis verblüffte. Ein Jahr später reiste er nach Reims.
Dass Ludwig II. sich ein neues Versailles auf der Herreninsel erbauen ließ und ein Trianon in Linderhof, dass er von Jeanne d’ Arc bis zu Marie Antoinette die großen historischen Gestalten Frankreichs verehrte und auf seiner Separatbühne neben Victor Hugo mit Vorliebe französische oder in Frankreich spielende Stücke aufführen ließ, trug nicht zu seiner Beliebtheit im Reich bei, und der immer wieder ihm als “schizoid” oder “autistisch” angelastete Ausschluß der Öffentlichkeit aus Theater und Schlössern ist zu nicht geringem Teil bedingt durch die Verständnislosigkeit einer frankreich- feindlichen Epoche.
Der Sturz des Königs wurde denn auch beschleunigt durch preußische Befürchtungen, der in Geldnot geratene König Bayerns könne sich in einem Revanchekrieg als unzuverlässiger Bundesgenosse erweisen, und das Pariser Bankhaus Rothschild wurde in diesem Zusammenhang erwähnt.
Heute aber ist es angebracht, unbedingt daran zu erinnern, dass Ludwig II. sich nicht nur Hoftafeln, Ovationen, Audienzen und Verwandtenbesuchen verweigerte, sondern auch der damals allgemeinen deutschen Feindseligkeit gegen die französische Nation!


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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