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Kolumne 38

Der gigantische Schatz historischer Dokumente
Besuch im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz
in Berlin-Dahlem
Ein Bericht von Peter Glowasz


Weit über 35 Kilometer Archivgut lagern im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in der Archivstraße 12-14 in Berlin-Dahlem.
Geheim sind die Dokumente schon lange nicht mehr: Jeden Tag gehen Wissenschaftler, Forscher, Schriftsteller, Journalisten im Archiv auf Entdeckungsreise.
“Warum nennt Ihr euch geheim?”, diese Frage stellte ich unlängst dem Direktor des Geheimen Staatsarchivs.
“Geheim ist nur noch ein überliefertes Attribut, das das Archiv seit 1803 in seinem Titel führt, was seine Stellung als preußisches Zentralarchiv firmierte. An den Staatspapieren, die die brandenburgischen Markgrafen und Kurfürsten einst geheim verwahrten, am ehemals Sekreten Herrschaftswissen, auf das nur der Landesherr und seine Beamten Zugriff hatten, ist längst nichts mehr geheim. Die Sammlung von Hinterlassenschaften eines Staates, den es nicht mehr gibt, ist zu einem Haus der Geschichte geworden, für die Öffentlichkeit zugänglich”, so lautete die Antwort auf meine Frage.
Dem interessierten Besucher - meist sind es Menschen, die gerade dabei sind, ein Buch zu verfassen oder einen Artikel für eine Zeitung vorzubereiten - bietet das Archiv weit über 35 laufende Kilometer Archivgut, darunter Bestände der zentralen Verwaltungs- und Justizbehörden Brandenburg-Preußens, der preußischen Parlamente und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Brandenburg-Preußische Hausarchiv, das Heeresarchiv bis 1866/1867, bestimmte Territorialüberlieferungen, Schriften von Provinzial- und Lokalbehörden, nichtstaatliche Provenienzen - vor allem Brandenburg-preußisch akzentuierte Nachlässe und Familienarchive, weiterhin Schriftgut von Freimaurerlogen und vergleichbaren Organisationen und Landkarten. Das “Gedächtnis Preußens” reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück.
In den vielen Jahren meiner Forschungsarbeit war ich sehr oft im Staatsarchiv - und einiges was in meinen fünf Büchern steckt, stammt aus dem Fundus des Archivs.
Was aber suchen die anderen Besucher, die tagtäglich im Forschungszimmer sitzen, schweigend in uralte Akten vertieft, die meisten davon handgeschrieben, in nur schwer entzifferbarer deutscher Kanzleikursive? Da ist beispielsweise ein Doktor der Philosophie; im Staatsarchiv durchforstet er für ein neues Buch Handschriften, die König Friedrich II. vor über 265 Jahren in den Händen hielt. Es sind Küchen- dokumente, die preisgeben, was der König wann gegessen hat. Fasan hat er sehr geliebt. Und italienische Polenta. “Auch wenn die Schriften zum Teil sehr schwer lesbar sind - es sind Dokumente aus der Zeit und nicht nur über die Zeit. Das macht es so spannend, hier zu forschen“, sagt der Doktor.
Zu über 80 Prozent wird das Archiv wissenschaftlich von Doktoranden und Studenten genutzt. Wer hier etwas finden, ein Geheimnis lüften will, muß jedoch genau wissen, wonach er sucht: Zeit- und Ortsangaben sind entscheidend, um in den schier unerschöpflichen Quellen die gewünschte Information zu finden.
Archivare sind bei der Suche behilflich. In den Findbüchern, die in mehreren Regalen den Repertoriensaal füllen, beginnt dann die Recherche. Sie weisen den Weg zur Akte, die das Archivpersonal aus dem Magazin, aus dunklen, engen Gängen mit einer Raum- temperatur von 15 Grad holt. Auf manche Akten müssen die Besucher allerdings zwei Tage warten; ein großer Teil der Bestände ist einem Gebäude im Westhafen eingelagert - aus Platzgründen, da das Dahlemer Depot größtenteils vom Museum für Europäische Kulturen belegt ist. Diese Akten wurden während des Zweiten Weltkrieges ausgelagert und später in Merseburg untergebracht, bis sie nach der Wiedervereinigung 1993/1994 wieder nach Berlin gelangten.
Täglich werden Akten für die Benutzung zwischen Westhafen und Dahlem hin- und herantransportiert. Das geht den unersetzlichen Akten auf Dauer an die Substanz. Den ganzen Bestand auf das Dahlemer Gelände zu bekommen, dafür kämpft der Direktor schon seit Jahren.
Die Langzeiterhaltung der Akten und der laufend verbesserte Zugriff für Interessierte sind die Hauptaufgaben für den Direktor und seine 100 Mitarbeiter. Seit Anfang der 90er Jahre wird der Bestand auf Mikrofilm reproduziert. Große Aktenberge sind bis jetzt schon so festgehalten.


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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