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Kolumne 2

Vor 121 Jahren starb König Ludwig II. von Bayern (25.08.1845 - 13.06.1886); er wurde das Opfer einer politischen Intrige

Ein ärztliches „Zweckgutachten“ von Irrenarzt Prof. Dr. Bernhard von Gudden führte zu einem rechtswidrigen „Entmündigungverfahren“, dass die gewaltsame, menschenverachtende Freiheitsberaubung und die schauderhafte Königstragödie am Starnberger See zur Folge hatte.

Ein Beitrag von Peter Glowasz

In wenigen Wochen jährt sich der 121. Todestag König Ludwigs II. von Bayern. Im Rahmen meiner jahrelangen Aufklärungsarbeit möchte ich auch diesen Todestag zum Anlaß nehmen, noch einmal auf die wahren Hintergründe der Königstragödie vom 13. Juni 1886 hinzuweisen.
Nun, alles Schreckliche begann mit einem sogenannten Ärztlichen Gutachten. Und zur Entstehung dieses Gutachtens von Dr. Bernhard von Gudden, ich nenne es jetzt fortan „Zweckgutachten“, muß zum besseren Verständnis zunächst über folgendes berichtet werden:
Schon im Jahre 1867 beabsichtigten nicht näher bezeichnete interessierte Kreise, Ludwig II. unter dem Vorwand der Geisteskrankheit abzusetzen und unter Umgehung der Rechte des damals noch keineswegs auffällig gewordenen Prinzen Otto den späteren Ludwig III. den Thron besteigen zu lassen.
1872 treten dann geistige Störungen beim Prinzen Otto auf, die Behandlung erfordern; die Diagnose stellt Dr. Solbrig als auch Dr. Gudden, schon zu dieser Zeit ein persönlicher Freund vom bayerischen Staatsminister Johann Freiherr von Lutz. Gudden wird gegen den Widerstand der Fakultät an die Universität München berufen - und wird Direktor der Kreisirrenanstalt Oberbayerns.
Gudden wird zur Behandlung Ottos hinzugezogen, die er 1875 hauptverantwortlich übernehmen wird, und er erhält den diskreten Auftrag des Ministers Lutz, auch den Geisteszustand Ludwigs II. zu beobachten.
Gudden kann diesen Auftrag natürlich nicht ausführen, da er den König nur in einer einzigen Audienz zu Gesicht bekommt; diese findet 1874 im Zusammenhang mit dem Prinz Otto statt.
1885 tritt der Vorwurf der Verschuldung des Königs ein - und schon seit 1883 ist ein Machtwechsel zugunsten der Luitpoldinger wieder im Gespräch.
1885 wird in der Familie Luitpolds der Ruf nach dem Psychiater wegen Ludwig II. laut; die Söhne drängen, Gudden einzuschalten, was dieser aber noch ablehnt.
Es stehen noch Finanzprobleme im Vordergrund, aber auch spezifisch politische Motive zeichnen sich deutlich ab: Ludwig II., der noch im Jahr 1881 dem bereits gefährdeten Kabinett die Nibelungentreue gehalten hatte, schließt einen möglichen Machtwechsel zugunsten der bisherigen Opposition altbayerischer Konservativer nicht mehr radikal aus. Infolgedessen ist Ludwig II. für Preußen kein zuverlässiger und unentbehrlicher Verbündeter mehr. Ludwig II. wird somit zur Gefahr für das Ministerium Lutz und verliert den Schutz Otto von Bismarck.
Januar 1886: Prinz Luitpold setzt Ministerpräsident Lutz unter Druck und droht, ihn und das Ministerium haftbar zu machen, wenn es zum Konkurs wegen der angeblichen Verschuldung des Königs kommen sollte.
März 1886: Lutz, der schon 1885 gedroht hatte, das Problem müsse „auf die eine oder andere Weise“ gelöst werden, bestellt Gudden zu sich.
Gemäß einer Darstellung von Lutz im Landtag verlief das Gespräch mit Gudden so, daß er, Gudden, die „Eigentümlichkeiten“ Seiner Majestät schilderte, worauf dieser dann auch sofort die Diagnose der Geisteskrankheit gestellt habe. Das Gespräch dauerte nach Aussage von Lutz weniger als eine Dreiviertelstunde! Diese kurze Zeit hatte also genügt, um Gudden eine „schlüssige Diagnose“ zu entlocken?
In Wirklichkeit dürfte Gudden, der seinen „Geheimauftrag“ bisher nicht erfüllt und „versagt“ hatte, nun seine Bereitschaft zur Mitarbeit erklärt haben.
Nun, auf diese Weise wurde der Irrenarzt Dr. Gudden das Instrument des Staatsministers Lutz.
Lutz allein war somit der eigentliche Urheber des ominösen „Zweckgutachtens“ gegen jedes bessere Wissen, denn das Erscheinungsbild, des im übrigen „normalen“ Exzentrikers liege weit entfernt von der diagnostischen Paranoia.
Ü brigens schon vor der Erstellung des „Zweckgutachtens“ hatte sich Gudden ausbedungen, daß der Staatsminister Lutz das „Material“ herbeischaffen müsse, da ja eine persönliche Konsultation von vornherein als aussichtslos erschien.
Lutz sagte Gudden zu, bei der Beschaffung des „Materials“ behilflich zu sein. Auf diese Weise erhielt Minister Lutz seine Rolle als „Mit-Redakteur“ des „Zweckgutachtens“.
In sehr geschickter Weise hatte Minister Lutz somit dem Arzt die Verantwortung nicht nur für die rechtswidrige Entmündigungsaktion, sondern sogar für die politischen Konsequenzen im Falle seines Scheiterns zugeschoben.
Nun ging man also ans Werk. Das „Zweckgutachten“ mußte ja schnellstens gefertigt werden. Das „Material“ bestand aus Zetteln, die man im Klosett und Papierkorb gefunden hatte, aus bloßen Kritzeleien und Zeichnungen, aus „Zeugnissen“ bestochener und erpreßter Bedienstetenseelen usw.
April 1886: Prinz Ludwig (später Ludwig III.) beschimpft nun in unflätiger Weise die Minister, vor allem Lutz, sie würden in der Angelegenheit des Königs zu langsam arbeiten. Der Druck auf Gudden verschärft sich. Das Ministerium droht sogar mit Rücktritt, wenn Guddens Arbeit nicht den gewünschten Erfolg zeitigt und belastet den Arzt mit der politischen Verantwortung.
9. Mai 1886: Vier Wochen vor der Tragödie formuliert Gudden sein „Zweckgutachten“, mit dem Lutz aber unzufrieden ist.
17. Mai 1886: Auf Drängen von Lutz kommt Gudden in seine Wohnung zum Dreiergespräch mit Minister Crailsheim.
Noch wenige Tage vor der brutalen Gefangennahme des Königs im Schloß Neuschwanstein suchte Lutz händeringend nach einem schlüssigeren Beweis für den „Wahnsinn“ des Königs.
Am 2. Juni 1886, also eine Woche vor dem in Aussicht genommenen Tag der „Entmündigung“, binnen derer das „Zweckgutachten“ abgefaßt, unterschrieben, ausgefertigt und dem Ministerrat vorgelegt sein muß, richtet Minister Lutz folgendes Schreiben an Gudden:

„Sehr geehrter Herr Obermedizinalrat!
Das Material, welches Ihnen bisher zur Verfügung gestellt worden ist,
möchte doch kaum genügen, zumal es im Wesentlichen auf dem Zeug-
nisse zweier untergeordneter Bediensteter des Marstall und Hofmarschall-
stabes beruht. Es genügt möglicherweise Ihnen nicht, obschon Sie aus
eigener Wahrnehmung schon genau unterrichtet sind, wahrscheinlich
aber noch weniger den aus der Ferne zu berufenen Psychiatern und ganz
gewiß nicht den beiden Kammern des Landtages, welche es selbstverständ-
lich gleichfalls sehr genau mit dem Nachweise der Erkrankung des Königs
nehmen werden.“

Dieses Schreiben, obwohl höchst aufschlußreich, wurde merkwürdigerweise bisher in der übrigen Ludwig II.-Literatur nicht erwähnt.
Nun, wenn es so wäre, daß der Arzt Gudden die Tragfähigkeit des bisher übergebenen Materials bemängelte, so wäre das noch ein verständlicher Vorgang. Aber mit diesem Schreiben macht ja der Laie den Fachmann, der es doch besser wissen müßte, auf die Dürftigkeit der beschaffenen Zeugnisse aufmerksam.
Minister Lutz war nun selbst ständig auf der Suche nach Belastungsmaterial gegen Ludwig II. Im Jahr 1886 kam er zufällig in den Besitz von Tagebüchern des Königs, aus denen er bestimmte Stellen heimlich abschrieb; diese aus dem Zusammenhang gerissenen Texte wurden dann auch für das Guddensche „Zweckgutachten“ entsprechend aufbereitet.
Am 7. Juni 1886 findet eine Ministerratssitzung unter dem Vorsitz von Lutz statt; anwesend ist auch Prinz Luitpold - und natürlich Gudden.
In dieser Sitzung entscheidet man sich für die Absetzung, Entmündigung und lebenslängliche Internierung des Königs.
Und in der Nacht vom 7. auf den 8. Juni 1886 formuliert Gudden nun das „End-Zweckgutachten“. Genaugenommen schusterte Gudden es in einer einzigen Nacht und in einsamer Entschließung zusammen; die „Vorarbeiten“ bestanden lediglich in einer späteren Besprechung vom 9. Juni 1886 mit seinen drei Kollegen, die keinen einzigen Belastungszeugen gesehen haben!
In einer Konferenz der bayerischen Staatsregierung am 9. Juni 1886 wird dann die „Entmündigung“ beschlossen.
Noch am 9. Juni 1886 in der Frühe unterzeichneten Gudden und drei weitere Psychiater (Dr. Hagen, Dr. Grashey, Dr. Hubrich) das berüchtigte „Zweckgutachten“, datiert vom 8. Juni 1886.
Die Präambel dieses ärztlichen „Werkes“ enthält schon gleich den aufschlußreichen Satz: „...sie müssen einem erhaltenen Befehl Folge leisten...“. Und sodann wird festgestellt: „Eine persönliche Untersuchung Seiner Majestät ist nicht nur unthunlich, sondern auch nicht notwendig.“
Begründet wird dies mit dem vorliegenden Aktenmaterial. Dieses verhängnisvolle „Zweckgutachten“ ist so oft publiziert und kritisch kommentiert worden, daß ihre widerwärtigen Details hier nicht insgesamt besprochen bzw. wiedergegeben werden müssen (Einzelheiten sind aber in meinem Buch nachzulesen).
Und hier nur eine kurze Zusammenfassung der Ansatzpunkte der Kritik an dem „Zweckgutachten“:

Zeitbedingter Vererbungsglaube
Einseitige Ermittlung und Argumentation.
Unprofessionelle Vertrauensseligkeit gegenüber den Aussagen der Zeugen
ohne Berücksichtigung ihrer möglichen persönlichen Befangenheit.
Verwendung von Aussagen des psychotischen Otto.
Zeitbedingte Verwechslung paranoider und neurotischer Symptome.
Verwechslung von Phantasiereichtum und Wahn.
Wertung politischer und moralischer Verfehlungen als klinische Symptome.
Wertung von Phantasiespielen als Sinnestäuschungen.
Negative Bewertung der gesunden Persönlichkeitsreste, sofern diese
ü berhaupt zugegeben werden.
Verzicht auf die Erforschung des situativen Kontextes anstößiger
Handlungen und Äußerungen.
Moralische Empörung statt Einfühlung.
Statt Beobachtung und Untersuchung Diagnose vom Hörensagen
und vernichtende Prognose mit deutlich politischer Zielsetzung.

Man weiß nicht, was abstoßender ist: der Wust von Mißverständnissen, Halbwahrheiten und glatten Lügen der Zeugenaussagen oder die Leichtfertigkeit, mit der Gudden und sein Stab daraus ihre Schlußfolgerungen zogen.
Was am Schluß bei dieser Art von „Begutachtung“ herauskam, ist der reine Nonsenkatalog.
Diagnostischen Wert hat dieses „Zweckgutachten“ vom 8. Juni 1886 überhaupt nicht. Es stellt sich immer wieder die Frage, inwieweit Gudden dem unabdingbaren Gebot einer zuverlässigen und unparteiischen Tatsachenfeststellung Genüge getan hat.
Und hierin liegt das unbegreifliche und unverzeihliche Versäumnis des „Zweckgutachtens“.
Für die grauenhafte Fehleinschätzung des Psychiaters, der offenbar kein Psychologe war, sei hier nur eine Stelle des „Zweckgutachtens“ angeführt: Wie konnte Gudden oder überhaupt ein Gutachter, den folgenden Satz schreiben und unterschreiben: „Auf normale Gemüthsstände und deren Äußerungen trifft man nirgendwo in den Akten. Sie scheinen ganz und gar untergegangen zu sein und Haß und unnatürlicher Abscheu an ihre Stelle getreten zu sein.“
Soweit es die Akten betrifft, ist die Aussage korrekt; aber sie zeigt auch, daß Gudden ausschließlich nur die Aussagen der Belastungszeugen zur Verfügung standen. Nur deren einseitige Auswahl konnte ihn zu dem Trugschluß (ver)führen.
Die Unprofessionalität, um nicht zu sagen Schlamperei in der Erforschung der Anamnese läßt hier nur den einen Schluß zu, daß dieser doch erfahrene Arzt einerseits von Lutz, seinem Freund, in höchstem Maße beeinflußt und andererseits unter politischem Druck gesetzt wurde. Gudden forschte nicht, sondern sammelte, was zu dem befohlenen Ergebnis führen konnte.
Gudden wurde nicht politisch mißbraucht, er ließ sich mißbrauchen wie so viele Kollegen nach ihm, die ihre Wissenschaft der herrschenden Macht als Waffe zur Verfügung stellten.
Und dann geschah das Schreckliche: Das „Zweckgutachten“ führte zu dem ungesetzlichen „Entmündigungsverfahren“, das die grausame Gefangenschaft des Königs im Schloß Berg und letztlich seinen Tod am Starnberger See zur Folge hatte.
Aufgrund zahlreicher Indizienbeweise wissen wir heute, daß König Ludwig II. von Bayern einem Jahrhundertverbrechen zum Opfer gefallen ist. Er wurde am Starnberger See erschossen.

Ludwig II.-Freunde in aller Welt sind empört, daß heute, nach 121 Jahren, immer noch die regierungsamtliche Todes-Version von 1886 zum Tod Ludwigs II. offiziell gilt. Sie lautet: Der geisteskranke König beging Selbstmord im Starnberger See, vorher hat er den Arzt Dr. Gudden umgebracht.
Ludwig II. also immer noch ein Mörder und Selbstmörder?
Tatsache ist, daß der vorgeschobene Mord an Gudden und Selbstmord des Königs von der damaligen Regierung bzw. von der Lutz-Clique in der Öffentlichkeit als eindeutiger Beweis der Geisteskrankheit und als Schuldeingeständnis Ludwigs II. „verkauft“ wurden - gleichzeitig sollte dies auch als ein Zeichen für die Richtigkeit all der Anschuldigungen gegen den König gewertet werden.
Ludwig II. sollte also ein T ä t e r sein - und dieser kann sich selbst richten, bleibt aber ein T ä t e r!
Ein Mord des Königs mußte unbedingt vertuscht werden, denn ein Mordopfer wäre ja ein Opfer gewesen. Ludwig II. durfte keinesfalls Opfer sein! -

Nun, die Psychiatrie insgesamt läßt nach wie vor ihrer Koryphäe Gudden Anerkennung und Bewunderung zuteil werden - und so bemühen sich auch die Psychiater Hanns Hippius und Reinhard Steinberger, Herausgeber des im Dezember 2006 erschienenen Buches „Bernhard von Gudden“, den Arzt Gudden hinsichtlich der Vorgänge zur Königstragödie zu rehabilitieren; diese Herren sind sogar davon überzeugt, daß Gudden im Falle Ludwigs II. verantwortungsvoll und konsequent gehandelt hat, so steht es im Nachwort des Buches.
Das Bemühen der Buch-Herausgeber, Gudden zu rehabilitieren, wird und muß in der Öffentlichkeit scheitern. Denn die von mir hier aufgezeigten historischen und unumstößlichen wahren Fakten dürften wohl eine völlig andere Sprache zum Geschehensablauf sprechen.

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Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs

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...und in dem neuen CD-Hörbuch
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Auf der Flucht erschossen...

Mit Beiträgen von:
Dr. Isa Brand (Studienprofessorin, Buchautorin), Volker Stutzer (Buchautor),
Prof. Dr. Volkmar Schneider (Gerichtsmediziner),
Prof. Dr. Christian Reiter (Gerichtsmediziner),
Joseph-Reginald Le Gerette (Kunstmaler, Kostümbildner),
Melanie Scholzen (Opernsängerin, Buchautorin).

ISBN 3-925621-19-9 • 3. Auflage August 2006 • 79:80 Minuten • 12,90 Euro.

 

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