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Kolumne 43

Vom 18. September bis zum 6. Oktober: die Wiesn feiert wieder, und vor allem die Münchner sich selbst. Viele Gäste aus aller Welt werden wieder zum Oktoberfest strömen.
Wie fing vor 200 Jahren alles an? 1810 feiern die Bayern königliche Hochzeit. Und als die Münchner am 17. Oktober das erste Mal zum Feiern auf die Wiese ziehen, hat die noch gar keinen Namen. Der “große Platz an der Straße nach Italien” wird sie genannt - und liegt damals, 1810, hinter der südlichen Stadtgrenze, so wie das Dörfchen Schwabing hinter der nördlichen. München hat zu dieser Zeit nur rund 40 000 Einwohner, die mittelalterliche Stadtmauer ist gerade erst abgerissen worden, und das meiste, womit man die Stadt heute verbindet, existiert noch nicht: nicht das Neue Rathaus auf dem Marienplatz, nicht die Pinakotheken, weder die Leopold- noch die Maximilianstraße. München hat ein Jahrhundert voller Veränderungen und einen großen Aufstieg vor sich, und ein Teil dieses Aufstiegs beginnt am Mittwoch, den 17. Oktober 1810.
Es ist der fünfte Tag der Hochzeitsfeierlichkeiten. Die Gebäude überall in der Stadt sind geschmückt. Am Freitag zuvor haben sich der bayerische Kronprinz Ludwig - 24 Jahre alt, ein ebenso kunstsinniger wie schwieriger Charakter, der unter Schwerhörigkeit und einen Sprachfehler leidet - und die sechs Jahre jüngere Therese von Sachsen-Hildburghausen das Jawort gegeben. Einen Tag nach der Trauung spendierte das Königshaus an Tischen im Freien für jedermann Brot, Schaffleisch, Cervelatwürste, Bier und österreichischen Weißwein. Nun steht der letzte Programmpunkt an: ein Pferderennen, ausgetragen auf der erwähnten großen Wiese vor den Toren der Stadt. Ein Spektakel für das ganze Volk.
Es herrscht spätsommerliches Wetter, am Horizont zeichnen sich die zwei Türme der Frauenkirche und die Gipfel der Alpen ab. Das Brautpaar sitzt unter dem mit weiß-blauen Fähnchen geschmückten Dach eines osmanischen Audienzzeltes, das die Vorfahren einst von den Türken erbeuteten. Es steht direkt auf der Wiese, links und rechts davon Soldaten. Rund um das Oval des Platzes haben sich zehntausende Menschen versammelt - die ganze Stadt ist gekommen, aber auch Leute aus anderen Teilen Bayerns. Adelige, Bürger, Bauern. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Einzelne rufen: “Da Kini, da Kini!” Gemeint ist Max I. Joseph, erster bayerischer König, Vater des Kronprinzen, ein gemütlicher, volksnaher und sehr beliebter Monarch.
Zunächst lauscht die königliche Familie Gedichten und Liedern, die dem Brautpaar huldigen. Dann starten unter dem Jubel der Massen 30 Männer auf ihren Pferden, die Wiese zu umrunden. Am schnellsten ist der junge Franz Baumgartner, ein Lohn- kutscher. Nach 18 Minuten und 14 Sekunden hat er die 3370 Meter der Rennbahn zurückgelegt. Als Preis erhält er 20 Dukaten. Ausgerechnet dieser Franz Baumgartner war es, der die Idee für die ganze Veranstaltung gehabt hatte. Während seines Wehrdienstes hatte er seinem Vorgesetzten, einem Major, davon erzählt. Der wiederum trug den Vorschlag an den König weiter. Max I. soll sofort zugestimmt haben. Kein Wunder: Ein Fest wie das auf der Wiese vor München ist schließlich ganz im Sinne der Obrigkeit - und dass sich das Pferderennen dann auch noch als großer Erfolg herausstellt, erst recht.
Dank seines Bündnisses mit Napoleon regiert Max I. seit 1806 über ein Bayern, das so groß ist wie nie zuvor. Neben der Kernprovinz Altbayern gehören jetzt auch Franken und Teile Schwabens dazu, zwischenzeitlich sogar Südtirol und, allerdings erst ab 1816, die linksrheinische Pfalz.
Aus dem kleinen Herzog- und Kurfürstentum ist ein souveränes Königreich geworden. Max I., beeinflusst durch Frankreich, von dem er sich jedoch rechtzeitig vor Napoleons Niederlage wieder abwendet, modernisiert das Land, schafft einen relativ liberalen Staat. In dessen Zentrum steht die Haupt- und Residenzstadt München, die immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Aber Bayern ist nun kulturell nicht mehr so homogen wie vorher. Anders als die Altbayern sind zum Beispiel die Franken mehrheitlich evangelisch. Das neue, buntscheckige Land braucht verbindende Symbole. Ein gemeinsames, patriotisches Fest kommt da gerade recht.
Und so empfängt der König beim Pferderennen vor München Kinder aus allen Landesteilen, in ihrer jeweiligenTracht. Und so ist Max I. ganz glücklich darüber, dass sein Sohn die protestantische Therese heiratet, die sich standhaft weigert, zu konvertieren. (Ludwig selbst ist weniger begeistert, aber er hasst, im Gegensatz zu seinem Vater, auch die Franzosen von ganzem Herzen.) Und so beschließt man, das erfolgreiche Pferderennen von nun an jedes Jahr zu wiederholen, als “baierisches Oktober-Nationalfest”, oder kurz: Oktoberfest. Der Platz an der Straße nach Italien erhält, der Prinzessin des jungen Königreichs zu Ehren, den Namen “Theresens-Wiese”, Über die Jahre wird daraus “Thersienwiese”. Für die Münchner ist es einfach “die Wiesn”.
Schon 1811 kommt zum Pferderennen das “Central-Landwirthschaftsfest” dazu, eine Leistungsschau für Tiere und landwirtschaftliche Produkte. Auch ein Schützenfest wird fester Programmpunkt. Der Plan, mit dem Oktoberfest die Dynastie der Wittelsbacher, ganz Bayern und seine Einheit zu feiern, geht auf. Schnell ist es das größte Fest des Landes, mit stetig steigenden Besucherzahlen. Anfangs wird noch ein “Weitpreis” für die längste Anreise verliehen, um Leute aus entlegeneren Teilen des Königreichs anzulocken. Doch bald, zumal nach dem Bau der ersten Eisenbahnstrecken, ist das nicht mehr nötig. 1860 kommen schon 100 000 Menschen auf die Wiesn.
Auch nachdem die Stadt München 1819 Ausrichtung und Organisation übernimmt, bleibt das Fest eine patriotische Veranstaltung und der königliche Pavillon ihr Mittelpunkt - das ganze 19. Jahrhundert hindurch. Max I. sitzt Jahr für Jahr gut gelaunt in seinem Zelt, während die Besitzer preisgekrönter Pferde und Ochsen an ihm vorbeidefilieren. Ebenso halten es, nach ihrer Thronbesteigung, sein weniger volkstümlicher und autokratisch regierender Sohn Ludwig und dessen Sohn Maximilian II.
Ludwig, der als König in ganz München zahlreiche Bauprojekte anregt (unter anderem die Universität, die Feldherrnhalle, den Königsplatz), läßt am Rande der Theresienwiese außerdem die Bavaria errichten, jene fast 19 Meter hohe und über 87 Tonnen schwere Bronzestatue, die dort bis heute steht - das personifizierte Bayern. Nur König Ludwigs II., der menschenscheue “Märchenkönig”, bleibt den Oktoberfesten meist fern.
Nun, das 200. Münchner Oktoberfest lockt die Prominenz in Scharen auf die Theresienwiese. Oberbürgermeister Christian Ude zapfte das erste Faß an - mit nur zwei Schlägen - und erklärte mit einem lauten “O’zapft is”-Ruf die Sause für eröffnet.


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