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Kolumne 48

Der Schuhmacher des Papstes
In Rom fertigt Antonio Arellano die berühmten roten Lederschuhe an ...

Das obige Foto zeigt Arellano mit einem roten Schuh des Pontifex.
Der Papst trägt nicht Prada, sondern - und das ist kein Aprilscherz! - Schuhe von meinem Schuster um die Ecke. Anders als sein Vorgänger Johannes Paul II. lässt sich Benedikt XVI. seine Schuhe von Antonio Arellano in Rom anfertigen. Der Mann mit Migrationshintergrund stammt aus Trujillo in Peru und könnte auch in einem der Romane Mario Vargas Llosas auftauchen. Das Blut der Inka, das durch die Adern seiner Vorfahren floss, sieht ihm noch jeder an. Er ist kein Schickimicki-Schuster. Sein Schaufenster ist voll gestopft mit waghalsigen Schuhmodellen, Sandalen, Kinderschuhen und Stiefeln.
Sein Verkaufssalon ist der Vorraum einer chaotischen kleinen Werkstatt in einem Kellerverschlag. Es ist ein Lederlabor in der schattigen Via del Falco, wo ich ihm vorgestern meine Schuhe ablieferte. Die Absätze waren wieder einmal abgelaufen. “Kein Problem”, sagt Antonio und verrät gleich danach, dass “eine Dame” aus dem Haushalt des Pontifex drei Tage zuvor wieder bei ihm gewesen sei, um ein neues Paar für ihren Dienstherrn zu bestellen. Schon langt er unter die Theke, um voller Stolz den mit feinstem roten Ziegen-Saffian bespannten Leisten hervorzuholen, an dem nur noch die Sohlen fehlten, um die Meisterstücke komplett zu machen. Schuhgröße 42! Das Marokko-Leder ist wunderbar zart. Für sein letztes päpstliches Paar Schuhe hatte Antonio Arellano noch einen lederbespannten Schuhlöffel gefertigt und einen rosa Seidensack genäht, und als er sie Benedikt XVI. oben im Palazzo Apostolico persönlich überreichen durfte, kaufte er sich eigens dafür einen glänzend weißen Anzug, der auf dem Foto der Begegnung heute noch wie eine Lampe durch seinen Laden leuchtet.
Eine ehrlichere Haut als Antonio lässt sich im ganzen Borgo kaum finden. Das Viertel zwischen Vatikan und Engelsburg war lange eine kommunistische Hochburg. Heute werden hier - ein paar Schritte rechts vom Petersplatz - Touristen zu gesalzenen Preisen von Souvenirhändlern an ihre Tische gelockt. Hier ist der 42-jährige Schuhmacher aus der Fremde mit seinen schwieligen Händen und den kurzen schwarzen Fingernägeln kein Fremdkörper, sondern ein zuverlässiger Handwerker, der in seiner kleinen Werkstatt dem Druck widersteht, der allmählich auch die letzten Uhrmacher und Wäschereien aus dem Viertel zu verdrängen sucht. Darum darf er heute auch der Schuhmacher des Papstes sein. Denn Joseph Ratzingers Schuhe hat er besohlt und die Absätze erneuert, seit dieser hierherzog. Der Kardinal wohnte damals um die Ecke. Arellano hatte ihn bedient, wie er auch heute noch die Schweizer Gardisten, Nonnen und Priester bedient.
Kardinäle wie Straßenkehrer konnten bei ihm auf dem selben Stuhl warten, wenn es sich um kleinere Reparaturen handelte. So saß damals auch schon Kardinal Ratzinger bei ihm auf diesem Stuhl. “Eine einfache Person. Und immer freundlich. Er war so geduldig. Immer ließ er mich ganz ruhig und wortlos meine Arbeit tun.”
Arellano ist ihm treu geblieben. Natürlich gab es auch schon einen Rosenkranz als Extra und ein Kreuz für ihn, seine Frau und ihren Sohn Daniel. Doch das war es auch schon. Der Papst bezahlt seine Schuhe und jede Reparatur wie alle anderen, nicht mehr und nicht weniger.
Paul Radde


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