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Neue Hinweise in einem geheimnisvollen Todesfall: Wurde Bayerns Märchenkönig Ludwig II. doch ermordet?

Das angebliche Beweisstück für die Bluttat war mausgrau, und es soll gelegen haben in einer Truhe im dunklen Flur der gräflichen Wohnung in der Münchner Richildenstraße, nahe dem Nymphenburger Schloss. Herausgeholt wurde es nur wenige Male, so wohl in den fünfziger Jahren, am Ende eines Kaffeekränzchens adliger Damen: Die langjährige Vermögensverwalterin der adalbertinischen Linie des Hauses Wittelsbach, Josephine Gräfin von Wrbna-Kaunitz, rückte mit ihren Gästen zusammen und schlug einen Flüsterton an.

„Ihr alle könnt jetzt ohne Wissen der Angehörigen des ehemaligen Königs Ludwig II. die Wahrheit über die Umstände seines Todes erfahren. Nun zeige ich euch den Mantel, den er am Tag seines Todes trug“, soll sie geraunt haben. Die Kaffeerunde zog also zur Truhe, die Gräfin kramte einen Lodenmantel hervor und hielt ihn gegen das Licht. Auch eine enge Freundin der Gräfin, Gertrud Utermöhle, war an diesem denkwürdigen Nachmittag zu Besuch, mitsamt ihren beiden Kindern. Ihr Sohn Detlev, damals 10 Jahre alt und heute 60, gilt nun als wichtiger Zeuge für die Ludwig-Forschung. Denn der Münchner Banker erinnerte sich jüngst an die seltsame Episode aus seiner Kindheit. Und nun behauptet er in einer eidesstattlichen Versicherung, er habe den Mantel gesehen - „mit zwei Einschußlöchern im Rücken“. Seine inzwischen verstorbene Mutter Gertrud hatte ihrem Sohn ein Schriftstück hinterlassen, in dem sie die Szene genau so beschrieb.

Die Aussage des Finanzmenschen beflügelt nun die Königstreuen in Bayern und einen Großteil der Ludwig-Forscher. Sie vermuten seit langem: Ludwig II. von Bayern – der Märchenkönig – stürzte sich am Abend des 13. Juni 1886 keineswegs im Wahn in den Starnberger See. Der Monarch soll vielmehr hinterrücks erschossen worden sein.
Mehr als hundert Jahre lang galt vor allem folgende Version über den plötzlichen Tod des Königs: Immer mehr Geld aus der schon fast leeren bayerischen Staatskasse wollte Ludwig II. für seine Prunkbauten verschleudern. Deshalb planten Minister des bayerischen Kabinetts, den Regenten entmündigen zu lassen. Der Irrenarzt Bernhard von Gudden erklärte ihn für geisteskrank.

Ludwig wählte daraufhin, wohl auch in einem Anfall geistiger Umnachtung, den Tod am Seegrund. Und den Irrenarzt riss er dabei mit in die Fluten des Sees.
Doch diese offizielle Variante hat Schwächen. So sprachen Fischer schon damals von Schüssen am Ufer. Und inzwischen glauben viele Ludwig-Forscher, allen voran der Berliner Sachbuchautor Peter Glowasz, an Verschwörung und Mord. Ihre Theorie: Widersacher des Königs im bayerischen Kabinett sollen zwei Heckenschützen gedungen haben – denn ein lebender Ex-König wäre für seine Gegner womöglich noch einmal gefährlich geworden. Die Schützen sollen sich im Bootshaus am See auf die Lauer gelegt und den Irrenarzt Gudden als unliebsamen Zeugen gleich mit umgebracht haben.
Nur bislang gab es kein handfestes Indiz für die Mordtheorie. Und der Wert von Utermöhles Aussage ist auch unklar: Wie sicher ist die Erinnerung eines damals Zehnjährigen – 50 Jahre später? Und kann nicht Gräfin Wrbna-Kaunitz – zweifellos über Jahre eng mit den Wittelsbachern verbandelt – den anderen Damen aus Spaß ein Schauermärchen aufgetischt haben? Waren nur zwei Mottenlöcher in irgendeinen alten Mantel?

Das Haus Wittelsbach hält überhaupt nichts von solchen Geschichten. Ludwigs Nachfahren glauben seit über hundert Jahren an Selbstmord – und sie weigern sich beharrlich, den Leichnam des Königs, der in einer Gruft der St. Michaelskirche in München liegt, untersuchen zu lassen.
Zudem ist dummerweise auch der ominöse Mantel verschwunden, denn Gräfin Wrbna-Kaunitz und ihr Mann starben 1973 an den Folgen eines Zimmerbrands. Das Kleidungsstück ist dann in den Wirren nach dem Tod verschüttgegangen.

Glowasz bemüht sich deshalb immer wieder um die Erlaubnis der Wittelsbacher, die sterblichen Reste von Ludwig doch noch untersuchen zu dürfen. Er kennt Schweizer Wissenschaftler, die das mittels einer virtuellen Autopsiemethode erledigen könnten. Dabei würde der Leichnam mit Scanner und Computertomografen präzise erfasst, ohne dass ihn jemand berühren müßte. Die Totenruhe wäre halbwegs gesichert, Verletzungen an den Knochen durch Schüsse könnten trotzdem festgestellt werden.

Zwar wurde der „Kini“, wie Ludwig in Bayern liebevoll genannt wird, schon sofort nach seinem Tod obduziert – aber extrem schlampig. Und so hält der Berliner Gerichtsmediziner Volkmar Schneider die Todesursache „Ertrinken“ für zweifelhaft. Denn Schneider hat sich die Protokolle der Obduktion des Monarchen angeschaut. Und darin fehlt jeder Hinweis auf einen Tod durch Ertrinken – etwa Schaum in Mund und Nase oder Seewasser in der Lunge. Freilich steht in den Akten auch nichts von Schusswunden.

Die Leichenschau des Königs hatte 1886 dessen Hausarzt erledigt. Doch der, so die Theorie von Leuten wie Glowasz soll die Wunden unter den Druck von Re- gierungsbeamten verschwiegen haben.

Die Mord-Theoretiker erhalten nun unerwartet Schützenhilfe aus der Wissenschaft. Professor Hans Förstl, Psychiater am Klinikum der TU München und keineswegs unter Verdacht, ein Königstreuer zu sein, förderte im Geheimen Hausarchiv der Wittels- bacher Akten des Bayernregenten zutage. Förstl forscht auf dem Gebiet der frontotemporalen Degeneration – über die Schrumpfung von Gehirnteilen also, eine Krankheit, die zum Beispiel durch eine Hirnhautentzündung ausgelöst werden kann.

Eine solche Meningitis soll auch den König in seinem ersten Lebensjahr gepeinigt haben. Und Förstl hat den Verdacht, Irrenarzt Gudden habe den Regenten zu Unrecht für verrückt erklärt. Totendokumente stützen die Vermutung. Der Schädel des Mär- chenkönigs war – laut Obduktion – auffallend klein. Die Akten ergaben auch, dass Gudden, der Ludwig II. für paranoid erklärte, seinen Patienten zuvor in Wahrheit nur aus der Ferne begutachtet hatte, etwa indem er sich von Bekannten des Königs einiges erzählen ließ.

„Der Mann hat gesponnen“, sagt Förstl dagegen über den Bayernregenten, „aber er war nicht verrückt.“ Die Krankheit des Königs könnte sich in seiner Bausucht, in Aggres-
sionen gegenüber Dienern, in Tagträumen und Isolierung ausgedrückt haben. Menschen mit Schrumpfhirn können so sein: stur, eigensinnig, manchmal unerträglich – aber die Krankheit treibt sie nicht zwangsläufig in den Selbstmord.
Conny Neumann


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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