König Ludwig II. - aktuell | Das Internet-Magazin für
Forschung & Information.


Kolumne 12

In Österreich gibt es kaum eine Stadt, in der nicht eine Straße, ein Platz nach ihr benannt ist, in Salzburg ist es gar ein ganzer Stadtteil: Kaiserin Elisabeth von Österreich ist dem Volk bis heute präsent. Und wenn nicht aus der Geschichte, dann häufig genug aus der Sisi-Trilogie mit Romy Schneider von 1955, bis heute ein Verkaufsschlager auf Video und DVD.
Die Kaiserin war temperamentvoll, eine wagemutige Reiterin und wunderschön, der Kaiser betete sie an.
Doch der Wechsel von ihrem Elternhaus an den kaiserlichen Palast in Wien wird für die junge Frau zu einer Art Kulturschock: Gebeutelt zwischen strengen Hofprotokoll und den langen Abwesenheiten ihres Gemahls nutzt sie Krankheiten zu langen Erholungsreisen (Nordafrika, Kleinasien, Korfu) und entwickelt sich zu einer selbstbewußten Monarchin. Auf dem Weg dahin begleitet sie die Poesie: Sisi verehrt Heinrich Heine, schreibt selbst Gedichte und verfaßt ein poetisches Tagebuch.
Und die Musik? Lauschte sie nur den bei Hofe vorgetragenen Konzerten oder hörte sie auch romantische Vertonungen von Heine-Gedichten? Darüber später mehr.
Und keinesfalls zu vergessen: Zu ihren allerengsten Freunden zählte König Ludwig II. von Bayern.
Nun, zunächst einiges über Sisis bayerisches Elternhaus. Am Weihnachtsabend 1837 wurde in München die Tochter des Herzogs Max in Bayern - als drittes von acht Kinder - geboren.

Die ersten fünfzehn Lebensjahre nahm die Öffentlichkeit keine Notiz von ihr. Schließlich war sie keine Königstochter, sondern entstammte einer Wittelsbacher Seitenlinie, die vom königlichen Familienzweig stets von oben herab angeschaut wurde.
Die Kinder wuchsen eher als Landkinder denn als Aristokraten auf, im Winter im neuen Palais Max an der Ludwigstraße in München, im Sommer im idyllischen, aber eher bescheidenen Landschlößchen Possenhofen am Starnberger See.
Auch haben Sisi und ihre Geschwister in ihrer Kindheit oft unbeschwerte Sommerwochen mit Spielen und Reiten im Wasserschloss in Unterwittelsbach bei Aichach verbracht.

Die Herzogskinder galten als schlecht erzogen. Ihre Französischkenntnisse waren äußerst mäßig, ihre Bildung mangelhaft. Aber sie beherrschten den bayerischen Dialekt perfekt.
Denn der Umgang mit Bauernkindern war ihnen nicht verboten. Sie konnten gut reiten wie ihr Vater Herzog Max, der sich in München einen Privatzirkus hielt und zur Belustigung der guten Münchner Gesellschaft als Kunstreiter in seiner Manege auftrat.
Max war zwar General der bayerischen Armee, hatte aber kaum Pflichten und Verantwortung.
Er pflegte seine Individualität und gab seine reichliche Apanage für seine Liebhabereien aus: für weite Reisen, für seinen Zirkus, für die lauten und derben Gastereien im Kreis von Künstlern und Gelehrten. Die Tatsache, daß die Freunde des Herzogs Max vor allem Bürgerliche waren, wurde als weiterer „Spleen“ gewertet.
Um seine Familie kümmerte sich Herzog Max nicht. Seine Ehe mit Ludovika (einer Tochter des bayerischen Königs Max I. und Cousine zweiten Grades) war tief unglücklich, trotz der vielen Kinder.
Sisi war ihrem Vater sehr ähnlich, hatte aber zeitlebens kein guites Verhältnis zu ihm. Sie stand bei den ständigen Ehestreitigkeiten wie ihre Geschwister auf der Seite der Mutter.
Herzogin Ludovika wurde von ihren Kindern, besonders von Sisi, bis ins hohe Alter zärtlich geliebt. Sie war eine nüchterne, stets von Migräne geplagte Frau, die sich zeitlebens mit den Exzentrizitäten ihres Mannes und ihrer temperamentvollen Kindern auseinandersetzen mußte und aus den Sorgen nie herauskam.
Oft erzählte Ludovika ihren Kindern von der vornehmen Wiener Verwandtschaft. Auch den kaiserlichen Vetter in Wien, Franz Joseph, kannten die Geschwister nur aus den Erzählungen der Mutter.
Sisi war ja vor Ihrer Heirat nie in Wien. Und Ludovika, die sich selbst am Wiener Hof unsicher fühlte, traute sich auch gar nicht, ihre undiziplinierten Kinder dort vorzustellen. So blieben sich Franz Joseph und seine Cousine Elisabeth so gut wie unbekannt.
Ihre Wege kreuzten sich erst im August 1853 in der kaiserlichen Sommerfrische Ischl im Salzkammergut.
Franz Joseph, geboren 1830, war der begehrteste Junggeselle dieser Zeit. Und Franz Joseph war von der kleinen Sisi vom ersten Augenblick an hingerissen. Die fünfzehnjährige Sisi war verstört bzw. verwirrt, denn die Mutter Ludovika wollte ja ihre älteste Tochter Helene mit Franz Joseph zusammenbringen bzw. vermählen. Die Verlobung sollte an Kaisers Geburtstag, am 18. August 1853, von Ischl aus bekanntgegeben werden.
Nun, es kam aber alles anders. Die Liebe Franz Josephs galt der süßen Sisi. Und bei Tische, neben dem kaiserlichen Vetter sitzend, brachte Sisi vor Verlegenheit kein Wort heraus, sie aß keinen Bissen und war in Tränen aufgelöst.
Sisi war ja noch ein Kind - und so war sie so viel Aufmerksamkeit von der hohen kaiserlichen Verwandtschaft, allen voran Franz Joseph nicht gewöhnt.
Erst Tage danach begriff Sisi das Ausmaß der kaiserlichen Entscheidung – und sie war alles andere als eine strahlende Kaiserbraut.
Nun, der junge, ehrlich verliebte Kaiser tat alles, um seine kindliche, unsichere Braut zu erheitern.
Zwischen Verlobung und Hochzeit lagen neun Monate Brautzeit. In dieser Zeit mußte alles, was Sisi zeitlebens versäumt hatte, nachgeholt werden. Franz Joseph überschüttete seine Braut mit kostbaren Geschenken vom Zobelmantel bis zum Brillantenkollier. Diese Geschenke waren die einzigen Wertgegenstände in Sisis bescheidener Aussteurer.
Im April 1854 war es dann soweit; die 16jährige Braut fuhr mit einem rosengeschmückten Raddampfer die Donau abwärts nach Wien zur Hochzeit. Die prunkvollen Hochzeits- feierlichkeiten dauerten fast eine ganze Woche.
Es gab keine Hochzeitsreise, keine Flitterwochen - und das junge Paar war selten allein. Der Wechsel von ihrem offenen Elternhaus an den kaiserlichen Palast in Wien wird für die junge Sisi fortan zu einem „Goldenen Kerker“...
Erst viele Jahre später entwickelt sich die Kaiserin, die vier Kinder auf die Welt brachte, zur gefeiertsten Schönheit der Welt wurde, zu einer selbstbewußten Monarchin.
Und erst dann, als sich die Kaiserin den Fünfzigern näherte, ihre Schönheit trotz aller Anstrengungen im Schwinden war, die Gicht sie derart plagte, daß sie das geliebte Reiten aufgeben mußte, außerdem ihr kaiserlicher Gatte seine Liebe zu der Schauspielerin Katharina Schratt pflegte, begann die Kaiserin wieder zu dichten. Und diese neue, außerordentlich intensiv betriebene Beschäftigung war wieder so wie die der fünfzehn- und sechszehnjährigen unglücklichen kleinen Sisi: der Ausdruck von Isolation, Kummer, Einsamkeit.
Die Dichtung ist für die Kaiserin vor allem eine Fluchtmöglichkeit, eine Flucht aus der grauen Wirklichkeit einer alternden, unbeschäftigten Frau in die Phantasiewelt der „Feenkönigin Titania“.
Sicherlich spielte auch Sisis Ehrgeiz eine Rolle, sich als Person - und eben nicht als monarchische Würdenträgerin - zu profilieren und einmal in den Kreis der fürstlichen Schriftsteller aufgenommen zu werden.
Der „literarische Nachlaß der Kaiserin Elisabeth“ befindet sich seit 1951/53 im Besitz des Schweizer Bundesarchivs in Bern.
Dieser Nachlaß besteht aus drei schwarzen Lederbänden mit Goldschnitt und Verschluß, in die die Kaiserin mit eigener Hand ihre Gedichte eintrug.
Diese Gedichte stehen vom Januar 1885 bis zum Winter 1888/89 chronologisch fortlaufend, gehen häufig auf die Tagesereignisse ein und sind teilweise datiert.
Außer diesem handschriflichen Hauptbestand enthält der Nachlaß mehrere Exemplare zweier gedruckter Gedichtbände: „Nordsee Lieder“ und „Winterlieder“, deren Text und Reihenfolge mit den beiden ersten handschriftlichen Bänden und ersten 29 Seiten des dritten Bandes identisch ist.
Der größte Teil des dritten Bandes hat kein gedrucktes Pendant, ist also ausschließlich handschriftlich überliefert. Die Drucke sind ohne Angabe des Autors und ohne Druckvermerk erschienen. Allerdings ist auf einer Vorschlagseite ein reproduziertes Porträt der Kaiserin aufgeklebt, was den einzigen Hinweis auf die Autorin darstellt.
Am 13. Juni 1886 starb Elisabeths „Königsvetter“ König Ludwig II. von Bayern. Die Kaiserin hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Feldafing am Starnberger See auf. Die Kaiserin erlebte aus nächster Nähe die Ereignisse vor und nach dem Tod des Königs mit; sie wurde ja auch über den Fluchtplan des Königs genauestens informiert. Bedauerlicherweise wurde Ludwig II. auf der Flucht erschossen.
Wochenlang beschäftigte sich die Kaiserin nur noch mit dem Grübeln über Ludwigs Tod und war so erschüttert, daß ihre Verwandtschaft um ihren Geisteszustand besorgt war. Auch ihre Dichtungen dieser Zeit kreisen ausschließlich um das Schicksal Ludwigs II.
Während ihre bayerische Familie die Internierung König Ludwigs II. sogar für richtig hielt und die bayerische Regierung sogar verteidigte, wurde die Kaiserin nicht müde, diese brutale Gefangennahme zu kritisieren und als Grund für Ludwigs Tod (Mord) anzugeben. Die Zwistigkeiten wurden so groß und heftig, daß Elisabeth abreiste und sogar beschloß, nie mehr nach Bayern zurückzukehren:
Leb’ wohl, mein schöner Heimatsee,
Du, meiner Kindheit Wiege,
Begrenzt von stolzer Bergeshöh’,
Im Schoß der Alpenzüge.

Umrahmt von tiefem Buchengrün,
Geschmückt mit Schilf und Rosen,
Die träumend auf den Wellen zieh’n,
Wo Seelibellen kosen.

Du, meiner Jugend Lust und Freud’,
Mein Sehnen in der Fremde!
Mit schwerem Herzen ist es heut’,
Dass ich mich von dir wende.

Leb’ wohl mein See! In deinen Schoß
Werf ich die Heimat heute
Und ziehe rast- und heimatlos
Aufs neue in die Weite!

Durch Ludwigs Tod und die Familienstreitigkeiten, die ihm folgten, war Elisabeths Gesundheit derartig erschüttert, daß sie bei einer Kur in Gastein Erholung suchen wollte. Allerdings blieb sie hier nur vom 1. bis 4. Juli 1886, da der kaiserliche Leibarzt Dr. Widerhofer eine Kur verbot:„Sehr gefährlich, in solcher Erregung die Bäder zu gebrauchen.“
Und immer noch kreiste Elisabeths Phantasie um den Tod des „Königsvetters“ Ludwig II. am Starnberger See. Hier ein gekürztes Gedicht:

Dunkle Nacht, die Wolken hängen
Grau wie Blei am Himmelsbogen;
Schwerer Regen fällt in Mengen
In des Sees schwarze Wogen.

Eine Möwe kommt geflogen,
(Meine längst verstorb’ne Seele,)
Und sie kreist in kleinen Bogen,
Spähend nur nach einer Stelle.

„Königsvetter!“ flüstert’s leise
„Hast du mich denn ganz vergessen!
Sind wir doch vor vielen Jahren
Seit’ bei Seite hier gesessen!

Auf der spiegelglatten Fläche
Zogen wir im leichten Nachen;
Und ein Schwarzer sang so drollig,
Ach! Wie herzlich klang dein Lachen!

Von der kleinen Roseninsel
Kamen tausend süße Düfte,
Des Jasmines Wohlgerüche
Würzten hold die Abendlüfte.

Auf der Roseninsel im Starnberger See trafen sich Ludwig II. und die Kaiserin Elisabeth sehr oft. Sie mochten sich beide sehr.
Auch Kaiserin von Österreich, liebevoll Sisi genannt, ereilte das gleiche Schicksal wie im Falle ihres Vetters: sie wurde 1898 mit knapp 61 Jahren in Genf mit einer Feile erstochen. Ihr Vetter König Ludwig II. von Bayern, 41jährig, wurde 1886 auf der Flucht durch zwei Schüsse getötet.
________________________
Copyright © Dezember 2007 by Peter Glowasz


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



nach oben | Admin



stats