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Kolumne 14

Ein Tannenbäumchen wird nun wieder im behaglichen Wohnzimmer dastehen, vielleicht sogar ein mächtiges, behängt mit Schmuckzeug und Naschwerk im zeitgemäßen Überfluß. Vielleicht wird auch in so manch einem Zimmer eine Krippe zu sehen sein, wie auch ich sie mit großem Gestaltungsdrang Jahr für Jahr, vor allem für meine beiden Söhne Michael und Marcus, großflächig aufgebaut habe.
Nun, das ist vor allem wieder ein Fest der Kinder; sie freuen sich besonders, gemeinsam mit dem Vater oder der Mutter oder möglichst mit beiden liebevoll den Christbaum zu schmücken.
Ja - und was vielleicht viele gar nicht wissen: die erste Tanne wurde vor rund 500 Jahren, genauer: 504 Jahren Jahren für den Heiligen Abend aufgeputzt. Vorläufer gab’s schon früher: Auch die heidnischen Germanen verschönerten ihre Häuser zur Zeit der winterlichen sonnen- wende mit Tannenzweigen.
Und des König Ludwigs richtungsweisender Lieblingsdichter und Nationalpoet, nämlich Friedrich von Schiller, war es, der heimlich vom zuckersüßen »Freßbaum« naschte.
Als Friedrich Wilhelm von Hovens seinen Freund Friedrich von Schiller am Weihnachtsabend des Jahres 1793 als »Naschkatze« unterm geschmückten Tannenbaum sah, hatte der Christbaum seinen Siegeszug in Deutschland noch vor sich. Hovens schrieb in sein Tagebuch: »Am Weihnachtsabend kam ich zu ihm, und was sah ich da? Einen mächtig großen, von einer Menge kleiner Wachskerzen beleuchteten, mit vergoldeten Nüssen, Pfefferküchlein und allerlei kleinem Zuckerwerk aufgeputzten Weihnachtsbaum. Vor ihm saß Schiller ganz allein, den Baum mit einem Lächeln in der Miene anschauend und von seinen Früchten herunternaschend...«
Soweit es sich zurückverfolgen läßt, stammt die Idee, zu Weihnachten einen Baum zu putzen, aus der Zeit um 1600. Diese Idee entstand vermutlich im Elsaß.
Jedenfalls kommt zu dieser Zeit aus Straßburg die erste Nachricht über »echte« Christbäume: »Auff Weihenachten richtett man Dannenbäume zu Straßburg in den Stubben auf, daran henckett man rossen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, flache kleine Kuchen, Zischgold, Zucker ...«.
Die frühesten Bäume waren vorwiegend mit Konditor- und Zuckerwaren behängt. Deshalb wurden sie in Nürnberg auch »Freßbäume« genannt.
Ein Tannenbaum mit Kerzen wird erstmals im Jahre 1708 erwähnt, und zwar in einem Brief der Herzogin von Orleans, der oft zitierten Lieselotte von der Pfalz.
Johann Wolfgang von Goethe sah seinen ersten Weihnachtsbaum erst im Jahre 1765. Das war in Leipzig, im Hause seines Freundes.
Der Siegeszug des Christbaumes begann in Deutschland zu etwa jener Zeit, vor mehr als 219 Jahren: Zeugnisse liegen vor aus dem Jahre 1767 für Leipzig, 1815 für Danzig und 1825 für München.
Für den Christbaum begeisterten sich zunächst höfische Kreise, dann die bürgerliche Oberschicht, später die Städter. Auf dem Land fand er erst Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Einzug.
Vor 192 Jahren, also etwa im Jahre 1815, verzeichnete dann auch Berlin seinen ersten Weihnachtsbaum.
Die Trendsetter waren damals die von Humboldts, wohnhaft Unter den Linden 26. So berichtet es jedenfalls Caroline von Humboldt in einem Brief.
Die neue Mode verbreitete sich im Handumdrehen - und lief den bis dahin üblichen Weihnachts- pyramiden den Rang ab.
Im 19. Jahrhundert waren die Bäumchen allgemein so in Mode gekommen, daß der Hamburger Senat - seit 1818 jährlich - Erlasse herausgab, wonach nur Tannen in der Stadt gebracht werden durften, deren rechtmäßiger Erwerb nachweisbar war. Denn findige Weihnachts-Fans unter den alten Hanseaten hatten sich ihre Tannen auf denkbar billigste Art besorgt: Sie waren den Wäldern der Umgebung einfach selbst mit der Axt zu Leibe gerückt.
Und wer zu der Zeit noch immer nicht mitbekommen hatte, was die weihnachtliche Stunde geschlagen hatte, wurde spätestens durch den deutsch-französischen Krieg aufgeweckt. Denn den endgültigen Durchbruch bescherte dem Christbaum diese Nachricht, die im Jahre 1871 in den Zeitungen stand: Kaiser Wilhelm I. feiert die Heilige Nacht in Versailles - unter dem Weihnachtsbaum! -

Ja - und so war es dann auch in Bayern: Wenn der Novembersturm über das bayerische Land brauste und schon die ersten Flocken die Nähe des Christfestes verkündeten, dann glichen einige Räume des Schlosses Hohenschwangau schon einem märchenhaften Basar.
Und am Heiligen Abend stand dann auch im Schloß der mächtig große von einer Menge kleiner Wachskerzen beleuchtete, mit allerlei Zuckerwerk aufgeputzte Weihnachtsbaum, so wie ihn 1793 auch Friedrich von Schiller kannte.
Und rund 70 Jahre später hätte der Dichter bei dem jungen König Ludwig II. von Bayern sein mögen, dann hätte er den königlichen Tannenbaum ebenso bewundert - und vielleicht hätte er auch heimlich an diesem zuckersüßen »Freßbaum« genascht.
Edel und im tiefsten Grunde seines Wesens voll Güte war ja bekanntermaßen das Herz des Königs. Und was königliche Gebefreudigkeit ersinnen mochte, war am Christabend zu Geschenk- zwecken aufgehäuft: schimmernde Edelsteine, wertvolle Stoffe, Ringe und Uhren, Figuren aus Holz und Elfenbein, Vasen, Bilder, Bücher und Fotografien.
Keiner sollte vergessen sein von denen, die sich um ihn sorgten und mühten. Er wollte in den Augen seiner Mutter, seines Bruders Otto, seiner übrigen Verwandten und seiner gesamten Dienerschaft jene dankbare Freude aufleuchten sehen, die dann das Herz des Schenkenden vieltausendfach beglückt.
Und da konnte es geschehen, daß der ärmste Stallbursche am Heiligen Abend ein besonders wertvolles Geschenk des jungen Königs in Händen hielt, daß er fassungslos bestaunte. Er hätte niederknien mögen vor so viel Güte, die sich im König offenbarte und die an das Liebeswunder der Heiligen Nacht spürbar gemahnte.

Schenken - war und ist die Tugend der Könige, sagt man: »Leg’ deine Seele in Geschenke. Daß man in Treuen an dich denke, bei Kleinen ist die Gab’ noch klein, bei Kön’gen muß sie fürstlich sein!«
Schon Ludwigs Mutter Marie berichtet über den kleinen Prinzen: Er beschenkte von Kindheit an andere mit seinem Eigentum, Geld oder Sachen. Zu München, im königlichen Max-Joseph-Stift, veranstaltete einst Marie, die Landesmutter, eine Verlosung und nahm dazu Ludwig und Otto mit. Als ein kleiner Zögling eine Niete gezogen hatte und darüber sehr traurig war, reichte ihm Ludwig ein kleines Flacon und die Augen des so Beschenkten erhellten sich augenblicklich.

Und so sagt auch heute noch der größte Teil des bayerischen Volkes von seinem einzigen König, würdig des Jahrhunderts Achtung:

»Welch ein liebenswürdiger König, gesegnet mit allen Gaben Gottes!
Er hatte ein gutes Herz!«

Nachstehend die Federzeichnung des Schlosses Hohenschwangau. In dem Schloß, ganz in der Nähe des romantischen Alpsees, verbrachte Ludwig - gemeinsam mit seinem Bruder Otto - glückliche Kindheits- und Jugendjahre.


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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