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Kolumne 35

Der lachende König
Ein Beitrag
von
Erika Brunner

Selbst die Jugendbilder zeigen fast immer einen ernsten, ein wenig entrückten Jüngling, dessen Lippen nur selten ein verhaltenes Lächeln umspielt.
Keine Fotografie gibt einen lachenden König wieder.
So ging er ein in die Erinnerung der Nachwelt: als edler, schöner und sehr ferner Jüngling Lohengrin, dem man die Frage nach dem Rätsel seiner Persönlichkeit - auf eigene Anordnung - nicht stellen darf, und als dunkler, unheilbar verwundeter Gralskönig Amfortas. Das Allerletzte, was Gegner wie Anhänger Ludwigs bei ihm vermuten, ist Humor.
Doch dass er ihn gehabt haben muß, zeigen - außer der Erwähnung von Zeitzeugen über unerwartete witzige Aussprüche - die Komödien seiner Separataufführungen. Er selbst war es ja, der Opern und Schauspiele für sich auswählte (oder die letzteren für sich schreiben ließ). Es ist bekannt, dass der König die Separatvorstellungen befahl, um die dramatische Kunst ungestört von der Neugier des Publikums erleben zu dürfen, da der Zuschauerraum damals nicht dunkel war und die Operngläser sich so zudringlich wie heutige Videokameras auf die Königsloge richteten und jede Gefühlsäußerung in Physiognomie und Geste registrierten. Doch der Anschluß des Publikums bot Ludwig noch mehr als die Wahrung seiner emotionellen Intimsphäre, er erlaubte ihm, während der Vorstellung notfalls in Regie und Bühnentechnik einzugreifen und Verbesserungen vorzunehmen, um die Illusion atmosphärischer oder historischer Vorgänge zu per- fektionieren.
In seinem Repertoire standen zu Beginn fast ausschließlich französische Komödien. Diese Tatsache ist bisher kaum beachtet worden. Es handelt sich um französische Lustspiele oder solche, die in Frankreich spielen, was im Bismarckreich natürlich 1872 tabu war.
Den Publikumsgeschmack traf beispielsweise Felix Dahn mit seinen Historiendramen, deren Helden im germanischen oder altdeutschen Kostüm sich bereits jene Maxime zu eigen machen, die 1940 an deutschen Mauern prangte: “Du bist nichts, dein Volk ist alles!”
Die französische Komödie aber galt im sieges- und tugendstolzen Deutschland von 1872 als Inbegriff leichtfertiger sittlicher Verkommenheit, und auch Richard Wagner war gewiss nicht der Mann, die königliche Vorliebe für “welschen Dunst und welschen Tand” zu tolerieren. Es war sicher nicht nur die immer wieder angeführte Menschenscheu, die die Separatvorstellungen ins Leben rief, sondern ebenso das Unverständnis der Zeit für Ludwigs Frankophilie. Erst 1877 befahl Ludwig II. auch für das Musiktheater Separatvorstellungen, und inzwischen hatten auch die große Tragödie und die Haupt- und Staatsaktion auf seiner Privatbühne Einzug gehalten.
Aber noch 1885, mitten in der tödlichen Finanzkrise, standen Komödien auf dem Repertoire. Für Ludwig müssen sie geradezu eine psychotherapeutische Wirkung gehabt haben, denn sie eröffneten dem einsamen nächtigen Gralskönig einen Blick in die Welt der kleinen Leute und ihrer Alltagssorgen.
Mit Ausnahme einiger Komödien Molières und Scribes sind die meisten dieser Lustspiele - zumindest im deutschsprachigen Raum - nicht mehr erhalten. Doch stellvertretend für andere seien zwei Komödien eines deutschen Dramatikers näher betrachtet, der heute vergessen ist. Zu Recht, was seine schwülstigen und unglaubwürdigen Tragödien betrifft, zu Unrecht im Hinblick auf seine Komödien, die von rasanter Situationskomik getragen sind. Sie erheitern den Leser auch heute noch. Julius Leopold Klein verfaßte 1850 das Lustspiel “Der Schützling”, das bis 1884 im Spielplan des Königs stand, und “Voltaire”, den Ludwig noch im Mai 1885 sah. Possart spielte die Titelrolle. Neben “Voltaire”, der im Stück weniger als Philosoph als vielmehr Theaterdichter erscheint, der er ja auch war, erscheint als komischste Figur sein Sekretär Wagnièrè.
Wie Goldonis “Diener zweier Herren” muß der Ärmste gleichzeitig die verschiedensten Dinge tun: einem Liebespaar zur Flucht verhelfen (sie ist eine entlaufene Novize), Voltaires neues Stück auf die Bühne bringen, einen jungen Mann dem Kaiser von Österreich vorstellen, der nun gerade der männliche Teil des Liebespärchens ist, was die geplante Flucht verhindert. Außerdem muß er noch den wüsten Vormund der Exnonne abwimmeln, der ihr selbst nachstellt und als dramatischer Charakter verblüffende Ähnlichkeit mit dem Baron Ochs von Lerchenau aus dem “Rosenkavalier” aufweist. Der eigentliche Konflikt besteht jedoch in einem geistvoll-witzigen Schlagabtausch zwischen Voltaire, dem ungekrönten König des französischen Theaters, und der Shakespeare-Begeisterung der jungen Generation, die Voltaire zutiefst in seiner Künstlereitelkeit kränkt. Ausgerechnet der junge Nonnenentführer Prosper, der Voltaires Hilfe braucht, ist der geheime Übersetzer Shakespeares, woraus sich die komischsten Verwicklungen ergeben.
Die von Ludwig so glühend verehrte Königin Marie Antoinette erscheint im Hintergrund mit der Prinzessin von Lamballe als verlarvte Maske inkognito auf dem Gartenfest und zieht die Fäden, die das Happy end herbeiführen: Prosper und seine Braut kriegen sich und dürfen zur Bühne gehen, was die Theaterbesessenen ersehnen, der ältliche Herzog blamiert sich verdientermaßen vor seiner Frau, die sich weniger sanft verhält als Gräfin Almaviva, Voltaire verzeiht Prosper die Shakespeare- übersetzung, da er ihm die Wette gewinnen half, der Herzog werde sein Mündel nie ins Bett bekommen, und weil er gelobt hat, in einem Stück von Voltaire zu debutieren.
Da nun die Königin Voltaire ihre Anwesenheit bei seiner neuen Uraufführung versprechen läßt, ist er trotz seines Shakespearhasses mit der Welt versöhnt.
Sehr drollig ist es, dass der Kaiser Joseph, der den Besuch bei der königlichen Schwester mit einem Blitzbesuch bei dem verehrten Voltaire verbinden will, sich alle Ovationen verbittet - ganz Ludwig II.! Aber der Sekretär, der ja den Besuch des Kaisers verhindern möchte, weil der die Flucht des Liebespaares gefährdet, stellt ein Riesenaufgebot an Landvolk und Ehrenjungfern zusammen, dessen Ovationsgebrüll den Kaiser verscheuchen soll. Die tun auch wacker ihre Pflicht, doch der Kutsche entsteigt nicht der Kaiser, der eine andere Route wählte, sondern der lächerliche Herzog auf der Suche nach der jungen Schönen, der nun geschmeichelt den Volksjubel auf seine Person bezieht.
Ludwig muß sich wahrhaft königlich über diesen Gag amüsiert haben! Er ließ das Lustspiel drucken, weil es ihm so gut gefiel.
Kleins zweites Stück “Schützling” spielt ebenfalls in Paris, doch im Jahre 1812. Der “Schützling” ist das Baby der jungen Kriegerwitwe Rose Blanger, deren zarte Gesundheit ihr nicht mehr erlaubt, mit ehrlicher, aber zu schwerer Arbeit das Kind und sich durchzubringen. Zwei Menschen wollen ihr zu Protektion verhelfen: ein alter Verehrer und die Concierge des Miethauses, eine Paraderolle der Komischen Alten. Sie lassen ihre Beziehungen spielen, aber ohne voneinander zu wissen, und plötzlich hat der Schützling zwei Wohltäterinnen! Leider sind sie einander spinnefeind: eine ist die geschiedene Exkaiserin Josephine, die andere ihre erfolgreiche Rivalin Marie Louise von Österreich, Napoleons zweite Frau.
Höhepunkt des Stückes ist die Begegnung der beiden Kaiserinnen an der Wiege des Schützlings. Beide kennen sich nicht persönlich und erkennen sich auch im ganzen Stück nicht, aber beide lehnen einander instinktiv ab, und der edle Wettstreit um die Patenschaft des Waisenkindes wird immer bissiger.
Es ist bewunderungswert, wie der Verfasser ein halbes Jahrhundert vor Freud den unbewußten Motiven der Menschen auf die Schliche kam. Die verstoßene Josephine - gespielt von Ludwigs Lieblingsschauspielerin Hermine Bland - verarbeitet die große Kränkung ihrer Ehescheidung durch ein Helfersyndrom; als wohltätige Volksheilige wertet sie sich selbst auf gegenüber der unbekannten jungen und hübschen Zweitfrau.
Die Mildtätigkeit der neuen Kaiserin ist aber auch nicht gänzlich selbstlos, sie dient der Imagepflege - der Kaiser sieht es gern, wenn die First Lady durch gute Werke das Volk von den Segnungen der Monarchie überzeugt.
Die Komik der Szene steigert sich, da jeder der Anwesenden weiß, wer die Damen sind, nur diese selbst nicht, aber keiner darf etwas sagen, und jeder verzweifelt. Verscheucht von der vulgären Concierge, verlassen die Kaiserinnen den Kriegsschauplatz der Menschenliebe mit sublimen Drohungen an die junge Mutter: wehe, sie wählt die falsche Patin! Doch die Lustspielgnade löst den Knoten: Der Schützling braucht keine der Kaiserinnen mehr, als der stille Verehrer angesichts der Not seine Schüchternheit überwindet und Rose einen nochmaligen Antrag macht, den sie nun annimmt. Den Anstoß dazu gibt ihm die resolute Concierge.
Auch dieses Stück ist intelligent und sehr amüsant.

Ja, er muß Humor gehabt haben, der König Ludwig II. von Bayern - sonst hätte ihn der Sekretär Wagnièrè gelangweilt und die Concierge Patourel abgestoßen.
Noch 1885 suchte Ludwig II. Entspannung durch Heiterkeit, ein zutiefst menschlicher Wesenszug des Rätselvollen.
Und wie schrieb Kaiserin Elisabeth von Österreich in einem Gedicht, das sie nach einer gemeinsamen Fahrt zur Roseninsel im Starnberger See verfaßte, bei der ihr kleiner Leibmohr Rustimo sich als Gondoliere versuchte:

“Auf der spiegelglatten Fläche
Zogen wir im leichten Nachen;
Und ein Schwarzer sang so drollig.
Ach! Wie herzlich klang Dein Lachen!”

Als die Kaiserin diese Verse niederschrieb, lag dieser Ausflug schon Jahre zurück, und der König lebte nicht mehr.
Doch sein Lachen an jenem Tage blieb Elisabeth unvergesslich. Die nachfolgenden Bilder zeigen die Roseninsel im Starnberger See; dort traf sich Ludwig II. oft mit der Kaiserin Elisabeth.

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Mehr von Erika Brunner in ihrem Buch "Der tragische König"


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