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Kolumne 40

Dr. h.c. Wolfgang Wagner,
der jüngste Enkel Richard und Cosima Wagners
starb 90jährig am 21. März 2010 in seiner Heimatstadt Bayreuth
Ein Nachruf zum Tode Wolfgang Wagners
von Rüdiger Pohl
Vorsitzender der Deutschen Richard-Wagner-Gesellschaft e.V

Am 21. März trat das lange schon Befürchtete ein: Dr. h.c. Wolfgang Wagner starb 90jährig in seiner Heimatstadt Bayreuth. Was liegt nicht alles zwischen seiner Geburt und diesem Tag des Abschieds! Ein Leben, gewiss. Aber auch die Geschichte unseres Landes in den Jahren seit dem erzwungenen Ende der Monarchie, die Geschichte der Bayreuther Festspiele und die einer ebenso interessanten wie streitlustigen Familie. Nach Wieland und Friedelind wurde den Wagners 1919 der 2. Sohn Wolfgang geboren. Nach fundierter Ausbildung - nicht zuletzt bei Heinz Tietjen, der die Vormundschaft für die Kinder Wahnfrieds übernommen hatte - fiel ihm und seinem Bruder nach 1945 die Aufgabe der Weiterführung Bayreuths zu. Der Aussage der jetzt erschienenen Nachrufe ist in vielerlei Hinsicht zu widersprechen. Es war bei weitem nicht so, daß Bruder Wieland der alleinige große Künstler dieses Zweigespanns war: Wolfgang war sicher für das Organisatorische vor allem begabt, - aber mußte er nicht auch schon deshalb in diese Rolle schlüpfen, weil sein Bruder die Kollegen und Mitarbeiter ständig vor den Kopf stieß? Wolfgang mußte das Porzellan kitten, das Wieland zerschmissen hatte. Nicht zuletzt dadurch wurde er im Alter zum beliebtesten Intendanten Deutschlands: Er konnte mit anderen Menschen offenbar besser umgehen - was nicht heißt, daß nicht auch er verletzend und aufbrausend sein konnte. Wielands Mythos war es, der ihn in die unentwegte Defensive drängte: Man lese einmal die Presseberichte nach dem Tod des Bruders! Niemandem wünscht man eine solche Vorverurteilung, kein anderer mußte sie immer wieder, jahrzehntelang, erdulden. Dabei waren Wolfgangs eigene Regiearbeiten so oft viel besser, will sagen: werkgerechter als die des großen Bruders. Wolfgang, “der immer anständige” (Tietjen), lehnte sich von sich aus nie so weit aus dem Fenster der Regiemoderne, daß er darüber die Intentionen seines Großvaters vergessen hätte. Wenn er es - im Detail - tat, so nur aufgrund ununterbrochener Presse-Hetze gegen seine “verstaubten”, “altmodischen”, “butzenscheibenlastigen” Inszenierungen. Unter Druck gesetzt, ließ er sich - wohl durch seine Tochter Eva - das Engagement von Boulez/Chéreau aufdrängen. Trotz des immensen Skandals (“Das habe ich nicht gewollt”, wie er einmal seiner Mutter anvertraute) stand er offiziell hinter seinen Künstlern, - das ehrt ihn. Innerlich war es weder seine noch die Welt seines Großvaters, die nun die Festspielbühne eroberte. Jahre des Jonglierens folgten: Vollkommen werkfremde Produktionen standen akzeptablen und werkkonformen Arbeiten gegenüber. Nach außen spielte Wolfgang Wagner überzeugend den toleranten Intendanten, der hinter jeder Schweinerei seiner Mitarbeiter stand, um die “Werkstatt Bayreuth” in die “Moderne” zu führen. Doch wie’s da drin aussah …
Kollege Flimm sagte in seinem TV-Nachruf, daß Wolfgang Wagner wohl nie wirklich hinter diesen Produktionen gestanden hat, daß ihm das alles nicht gefiel, was die da machten. Wir können es ihm glauben. Und damit sind wir beim tragischen Aspekt dieses Lebens. Wolfgang Wagner hätte eine unglaublich lange Zeit zur Verfügung gehabt, die Festspiele wieder zu diejenigen seines Großvaters zu machen. Er stand einer immensen Front aus Presse und Öffentlichkeit gegenüber, die Wagners Werk aus Bayreuth verschwinden sehen wollte. Wieland hatte mit der Distanzierung durch Stilbrüche, Kürzungen und Uminterpretierungen begonnen; Wolfgang wurde nun dazu gedrängt, die “festliche Aufführung der Werke Richard Wagners” Schritt für Schritt durch Spektakle und Events zu ersetzen.
Sei es, daß es ihm in erster Linie um die Weiterführung der Dynastie ging, daß er vor allem den “Betrieb” aufrechterhalten wollte: Es fehlte ihm die Größe, frei und offen zu bekennen, daß es ihm - auf wessen Druck auch immer (und er hätte die Verantwortlichen beim Namen nennen können!) - nicht mehr möglich war, die Festspiele weiterzuführen. Vermutlich wäre Bayreuth dann einige Jahre früher völlig von der Öffentlichen Hand übernommen worden (wie es nun erst 2008 geschah), und wer auch immer hätte genau solch katastrophale Personal- Entscheidung getroffen, wie es nun seine jüngste Tochter tur. Einzig eines wäre gerettet gewesen: Der Sohn Winifred und Siegfried Wagners hätte vor der Geschichte als derjenige dagestanden, der einer ideologisch-ästhetischen Übermacht erlegen ist - ohne selbst korrumpiert zu sein. So strafen nun die Tatsachen all jene Lügen, die vom “Hüter Bayreuths” faseln. Den Geist Bayreuths, das heißt die von Wagner gestalteten Inhalte, hat er nicht zu hüten vermocht. Seine Ära wird als diejenige in die Annalen der Theatergeschichte eingehen, die zwar die äußere Hülle edel wie noch nie konserviert hat, den Kern aber verriet.
Im Angesicht seines Todes, der uns alle menschlich sehr betrübt, erkennen wir in ihm das prominente Opfer einer Zeit, die das ‘Kind mit dem Bade ausgeschüttet’ hat, die sich erpressen ließ, statt das Wahre und Gute gegen alle Zeitungeister zu bewahren. Ob es möglich gewesen wäre, - darüber ist das Nachdenken müßig. Es ist nicht geschehen. Die verlogenen Nachrufe kamen in den letzten Wochen vor allem aus den Federn und in den Blättern derjenigen, die ihn bis zum Schluß in die Ecke gedrängt haben, die von ihm den Verrat verlangt haben, die ihn heute nur ob des Verrates (also des Engagements von Regisseuren wie Kupfer, Müller, Flimm, Schlingensief etc.) loben. Die wenigen heraus- ragenden Inszenierungen seiner Ära - nicht zuletzt seine eigenen! - werden unver- mindert übel beleumdet, verrissen, lächerlich gemacht. Für diese Abende indessen haben w i r ihm zu danken: Daß es sie gab - neben all dem Problematischen, Werkverfälschenden, Abstoßenden.
Mit Wolfgang Wagner ging eine Persönlichkeit von uns, die wie manche andere seiner Generation auf einer permanenten geistigen Abschußliste stand. Niemand soll von sich sagen, er hätte es besser gemacht. Wir schulden ihm Respekt dafür, daß er so lange ausgehalten hat.
R.P.
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Zum Tode Wolfgang Wagners äußert sich auch die Wagnerianerin und Buchautorin Erika Brunner (“Der tragische König”):
“Ich bin es endgültig leid, die Leistungen dieses Mannes als Regisseur abgewertet zu sehen. Zwar stand er einmal im Schatten seines Bruders, aber von allen Lohengrin-Inszenierungen, die ich im Leben sah - und es waren mindestens 15! - beglückte mich die seine von 1954 am meisten, und ich bin ihm von Herzen und über den Tod hinaus dankbar, dass er zur Zeit seiner Festspielleitung das Festspielhaus zwar Regisseuren öffnete, die im Trend der Zeit lagen, aber Menschen wie mir, die werkgetreue Aufführungen bevorzugen, die Möglichkeit gab, auch diese immer wieder zu erleben. Wer gern hopsende Gralsritter und intellektuell abgehobene “Meistersinger” sehen will, kann dies auf allen Bühnen und Schmieren Europas erleben. Für mich ist Bayreuth mit Wolfgang Wagner gestorben, doch unvergesslich!”
Soweit Erika Brunner.


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