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Kolumne 44

Dirigent Daniel Barenboim
und die erste große Wagner-Produktion im wieder eröffnten Schiller-Theater in Berlin: "Das Rheingold" hatte am 17. Oktober 2010 feierliche Premiere.
Anlässlich der Premiere gab es ein öffentliches Symposium zum Thema "Richard Wagner und das Judentum". Dazu äußerte sich Daniel Barenboim in seltener Ausführlichkeit und Vertrautheit über Wagner ... - Ein Bericht von Peter Glowasz.

“Ich glaube nicht, dass man Wagner mit der ‘Endlösung’ verbinden kann”, betont der israelisch-argentinische Stardirigent. Obgleich Wagner ein ideologisches Vorbild für Adolf Hitler gewesen sei. “Ich kann aber nicht akzeptieren, dass er deswegen Hitlers Prophet war”, so der Generalmusikdirektor der Staatsoper. Und wieder fordert der Musiker, dass wir Wagners Werk von seinen ideologischen Positionen und Hetzkampagnen gegen Juden, sprich: von seinem Antisemitismus, getrennt betrachten müssen. Das ist bekanntlich ein Streitthema - zumal in Israel, wo Wagners Werke mit einem Boykott belegt sind.
Barenboim geht im Schiller-Theater in seinem Plädoyer für Wagner zuerst auf dessen künstlerische Einzigartigkeit ein. “Es gibt in der Geschichte vielleicht keinen zweiten Komponisten, der so offensichtlich unvereinbare Elemente in seinen Werken zu vereinigen suchte. Die Eigenschaften, die Wagners Anhänger begeistern, sind oft dieselben, die seine Gegner abstoßen, wie zum Beispiel sein Hang zur Extreme in jeder kompositorischen Hinsicht.” Der Dirigent erklärt das Verhältnis von Opulenz, von Rausch und Ökonomie. Das Genie macht er an “Tristan und Isolde” fest, wo jeder unaufgelöste Akkord zugleich ein neuer Anfang ist.
Erst dann läßt sich Barenboim auf dessen “berüchtigten völlig inakzeptablen antisemitischen Äußerungen” ein. Er machte es mit einer Art Spiegel und erinnert an den Berliner Antisemitismus. Denn erst 1669 wurde es den Juden gestattet, sich in Berlin und Umgebung einigermaßen frei zu bewegen. “Juden, die nur vorübergehend in Berlin waren, wie übrigens Moses Mendelsohn, mußte in die Stadt durch das Rosenthaler Tor, das sonst nur für Vieh benutzt wurde.” Anders als den Hugenotten war es Juden verboten, Land zu besitzen und Handel mit allerlei Waren zu betreiben, oder einen Beruf auszuüben.
Vor diesem Zeitgeist müsse man auch die antisemitischen Äußerungen Wagners betrachten, sagt Barenboim: “Der Antisemitismus seiner Zeit war schon seit jeher eine weit verbreitete Krankheit, auch wenn Juden in bestimmten Kreisen von der deutschen Gesellschaft akzeptiert, respektiert und sogar manchmal verehrt wurden. Zu den nationalistischen Bewegungen im Europa des späten 19. Jahrhunderts gehörte ganz selbstverständlich ein gesundes Maß an Antisemitismus. Es war nichts Außergewöhnliches, den Juden die Schuld für alle Probleme der Zeit, ob politisch, wirtschaftlich, oder kulturell, aufzubürden.” Etwas später wird Barenboim - ohne den Namen Thilo Sarrazin zu nennen - beim Symposium daran erinnern, dass “rassistische Äußerungen, ob gegen Juden oder aktuell gegen Muslime, auch aus der heutigen Gesellschaft keinesfalls verschwunden sind, wie wir bei der jüngsten Integrationsdebatte beobachten mußten.”
Barenboim bestreitet keineswegs, dass Richard Wagner “ein virulenter Antisemit der schlimmsten Sorte war”. Aber er schiebt es lieber auf das Egomanentum des Künstlers.
Während des Dritten Reiches war Wagners Musik noch in Tel Aviv gespielt worden, und zwar vom Vorläufer des heutigen Israel Philharmonic Orchestra. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als bekannt wurde, dass die Nazis zu Wagners Musik Juden in die Gaskammer geschickt hatten, wurde Wagner tabuisiert. Zu Recht, wie Barenboim sagt, “aus Rücksicht auf die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden.” Aber: “Dies geschah nicht wegen Wagners Antisemitismus, sondern vielmehr wegen des nationalsozialistischen Missbrauchs.”

Nach dem Symposium gab es dann am sonntäglichen Abend des 17. Oktober 2010 die Premiere von Richard Wagners “Das Rheingold”; es ist der erste Teil der Tetralogie “Der Ring des Nibelungen”. Regie führt Guy Cassiers, die musikalische Leitung hat Daniel Barenboim. Hanno Müller-Brachmann singt den Wotan. Spieldauer: ca. 2½ Stunden.
“Das Rheingold” wurde erstmals am 22. September 1869 auf Wunsch König Ludwigs II. von Bayern im Königlichen Hof- und Nationaltheater in München aufgeführt; Richard Wagner war dagegen!
Und in Bayreuth, dem späteren Festspielhaus, fand die Erstaufführung am 13. August 1876 statt.


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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